Storys aus Studium und Lehre

Was uns verbindet

Komplexe Probleme aus unters­chiedlichen Blick­winkeln analysieren und gemein­sam Lösungen finden: Ent­decken Sie, wie Stu­die­rende und Dozie­rende in neu­artigen Lehr­an­ge­boten Brücken zwischen unter­schied­lichen Dis­zi­plinen schlagen.

Brücken­schlag zwischen Psycho­logie, Rechts­wissen­schaft, Theo­logie, Religions­wissen­schaft und Philo­sophie: Das inter­disziplinäre Modul «Life worth living».

Die Fragen, die das Leben stellt

Was ist ein gutes Leben? Was heisst es, Mensch zu sein? Ein neu­artiges inter­dis­zi­pli­näres Lehr­an­gebot nimmt die antike Tra­dition wieder auf, an der Uni­versität über die grossen Fragen des Da­seins zu philosophieren.

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Es mag von aussen wie eine Stadt­führung aus­ge­se­hen ha­ben: In Grup­pen von je rund zehn Per­so­nen be­such­ten Stu­die­ren­de und Do­zie­ren­de der UZH be­kannte Sehens­wür­dig­keiten in Zürich – das Gross­münster, den Linden­hof und das Frau­münster. Aller­dings: Da gab es keine Füh­rerin, die über die Ge­schichte der Stadt er­zählte und alle an­de­ren hör­ten zu. Son­dern auf dem Spa­zier­gang fan­den zwi­schen allen Teil­neh­men­den an­ge­regte Ge­spräche statt. De­ren In­halt drehte sich um ganz spe­zi­fi­sche Fra­gen. Im Gross­münster etwa: Kann mir der Rück­zug in die Stille hel­fen, zu klä­ren, was ein gutes Le­ben aus­macht?

Auf dem Linden­hof war die rund 40-köpfige Ge­mein­schaft auf­ge­for­dert, sich Ge­dan­ken zu machen: Wie prägt das Be­wusst­sein, Teil einer lan­gen Ge­schichte der Mensch­heit zu sein, mein Le­ben – ist es eher Trost oder Last?

«Wir wollen den Ursprung der universitären Idee in der Antike wiederaufnehmen.»

Ralph Kunz

Professor für Praktische Theologie

Es waren un­ge­wohnte Fra­gen, welche sich die Teil­neh­men­den des Lehr­moduls «Life worth living»  stell­ten. Neu sind die Fra­gen aller­dings nicht. Die im Herbst­se­mester 2025 erst­mals von der School for Trans­dis­ci­pli­nary Stu­dies (STS) an der UZH an­ge­bo­tene Lehr­ver­an­stal­tung nahm Be­zug auf die Ver­gan­gen­heit: «Wir wol­len den Ur­sprung der uni­ver­si­tären Idee in der An­tike wieder­auf­neh­men», sagt Ralph Kunz, Pro­fes­sor für Prak­ti­sche Theo­lo­gie an der UZH und Ini­ti­ant der Ver­anstaltung.

Die Studierenden widmen sich auf Spazier­gängen den Grund­fragen des Lebens – wie hier auf dem Lindenhof.

Schon anti­ke Den­ker wie Pla­ton und So­kra­tes wid­me­ten sich auf Spa­zier­gän­gen mit ihren Schü­lern und Schü­le­rin­nen den Grund­fra­gen des Lebens. «Sie hat­ten die Vision, die Men­schen im Dia­log ge­mein­sam er­grün­den zu las­sen, was im Le­ben wich­tig ist.» Als Grün­der­väter der Idee der Uni­ver­si­tät sa­hen sie diese immer als zwei­er­lei: «Als Ort für wis­sen­schaft­li­ches Den­ken, aber auch als Ort der Be­geg­nung und des ge­mein­sa­men Phi­lo­so­phie­rens», sagt Kunz.

Eine Berei­cherung für alle

Er ist über­zeugt: «Es ist nicht nur Privat­sache, sich mit den gros­sen Fra­gen des Le­bens zu be­schäf­ti­gen.» Wer an die Uni­ver­si­tät gehe, bringe diese als Mensch immer auch mit ins Stu­dium. «Sich an einer Hoch­schule da­mit be­schäf­ti­gen zu kön­nen, ist eine per­sön­liche Be­rei­che­rung, aber auch wert­voll für das Stu­dium je­gli­cher Fach­rich­tun­gen», sagt Kunz. Denn die Kom­pe­ten­zen, die man da­bei er­wer­ben könne, seien breit: Re­fle­xions­fä­hig­keit, seine Ge­dan­ken prä­zis aus­drücken, Dia­log­fähig­keit und Ur­teil­kraft. Vor allem aber gehe es auch da­rum, sich in die Per­spek­tiven an­derer ver­setzen zu können. 

Studierende üben sich in Reflexions­fähig­keit, Dialog­fähig­keit und Urteils­kraft.

Inspi­riert ist das neu­ar­tige Mo­dul durch die gleich­na­mige Lehr­ver­an­stal­tung «Life worth living», die der Theo­loge Miro­slav Volf seit 2014 an der Yale Uni­ver­si­tät in den USA an­bie­tet. Die Idee hat in­zwi­schen an ver­schie­de­nen Hoch­schu­len welt­weit Ver­brei­tung ge­fun­den. Ralph Kunz bie­tet das Mo­dul ge­mein­sam mit vier UZH-Dozie­ren­den aus Psy­cho­logie, Rechts­wis­sen­schaft, Reli­gions­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie an.

Die Grund­struk­tur der Ver­an­stal­tung ist dabei die­selbe wie in Yale. Die zwei­wöchen­tli­chen Tref­fen wid­men sich je­weils einer zen­tra­len Frage: Wer sind wir als Men­schen? Was ist ein gu­tes Le­ben? Wo­für trage ich Ver­ant­wor­tung? Wie kön­nen wir Lei­den und Tod be­geg­nen? Zur Vor­be­rei­tung dient je­weils die Lek­türe von Tex­ten, die sich aus ver­schie­de­nen Denk- und Glau­bens­tra­di­tio­nen so­wie wis­sen­schaft­li­chen Fach­rich­tun­gen zu die­sen Fra­gen äus­sern. Der an­schlies­sende In­put der Dozie­ren­den ge­schieht meist im Co-Tea­ching. Geht es etwa um die The­men Schuld und Ver­ge­bung, kön­nen sich so die Sicht­weisen von Rechts­wis­sen­schaft, Theo­loge und Psy­cho­logie er­gänzen.

Respekt­voller Dialog

«Ich spreche mit meinen Mit­stu­die­ren­den und in mei­nem Freundes­kreis sel­ten über solch grund­le­gende Fra­gen des Lebens», sagt Nina Bran­der. Sie stu­diert Vete­ri­när­me­di­zin im ers­ten Se­mes­ter und em­pfin­det die Ver­an­stal­tung als grosse Be­rei­che­rung. So sei es für sie neu, sich mit phi­lo­so­phi­schen Tex­ten zu be­schäf­ti­gen: «Aber es ist eine tolle Er­fah­rung, ich fühle mich in­zwis­chen be­reits ver­trau­ter da­mit.» Da­bei helfe, dass der in­ter­dis­zi­pli­näre Dia­log sehr res­pekt­voll statt­finde. «Die Teil­neh­men­den kom­men aus den un­ter­schied­lich­sten Stu­dien­rich­tun­gen und sind da­bei ver­schie­den weit fort­ge­schrit­ten. Aber alle ver­su­chen, sich ver­ständ­lich aus­zu­drü­cken. Und wir hö­ren uns zu und neh­men andere Mei­nun­gen ernst», sagt Brander.

«Wir hören uns zu und nehmen andere Meinungen ernst.»

Nina Brander

Bachelor-Studentin Veterinärmedizin

«Beein­dru­ckend war für mich etwa der Text eines Astro­phy­si­kers mit seinem Blick auf die Mensch­heit oder die Sicht der in­di­ge­nen Kul­turen Ame­ri­kas auf das Ne­ben­ei­nan­der von Pflan­zen, Tie­ren und Men­schen», sagt Bran­der. Klar ist für sie: Wich­ti­ger als die Ant­wor­ten sind die Fra­gen, die in diesem Mo­dul auf­ge­wor­fen wer­den. Diese be­glei­ten sie auch im Alltag.

So sei ihr ihre natur­wis­sen­schaft­lic­he Prä­gung be­wusster ge­wor­den – und habe sich er­wei­tert: «Ich sehe Dinge neu dank den Ge­sprä­chen im Mo­dul.» Wenn sie etwa einen Baum im Wald zu­vor pri­mär als Le­bens­raum für Tiere inte­res­siert habe, den­ke sie jetzt beim An­blick von Bäu­men auch über The­men wie Wachs­tum und Ver­wur­ze­lung nach.

Verant­wortung im Beruf

Im Hin­blick auf ihr Stu­dium ist die an­ge­hen­de Tier­ärz­tin dank­bar, sich im Mo­dul etwa mit Fra­gen nach der Ver­ant­wor­tung für das Le­ben be­schäf­ti­gen zu kön­nen: «Es hilft, da­rauf vor­be­rei­tet zu sein, be­vor der Mo­ment kommt, wo ich das erste Mal werde ent­schei­den müs­sen, ob es bes­ser ist, ein kran­kes Tier ein­zu­schläfern».

Inspi­riert hat sie auch der As­pekt der Selbst­für­sorge im Zu­sam­men­hang mit der Frage nach dem guten Le­ben. «Es ist be­kannt, dass Stu­die­rende und Berufs­tä­tige in Human- und Vete­ri­när­me­dizin über­durch­schnit­tlich oft an psy­chi­schen Pro­ble­men lei­den. Für mich ist klar, dass es neben dem in­ten­si­ven Be­ruf noch Platz für an­dere In­te­res­sen und ge­nü­gend Er­ho­lung ge­ben muss. Die Ver­an­stal­tung hat mich da­rin be­stärkt, dies ernst zu neh­men», sagt Brander.

Gemein­sam zu kochen und zu essen hilft, mit­ei­nander ins Gespräch zu kommen und sich zu ganz per­sönlichen Fragen des Lebens aus­zu­tauschen.

Unter­schied­liche Sicht­weisen auf das Leben aus Wis­sen­schaft, Reli­gion und von Mit­stu­die­ren­den ken­nen­ler­nen: Dazu darf eine Ver­an­stal­tung auch mal an­ders ge­stal­tet sein als ein her­kömm­li­ches Se­mi­nar. Bei «Life worth living» ge­hört dazu neben der Du-Kul­tur zwi­schen Stu­die­ren­den und Do­zie­ren­den vor allem ein zwei­tä­gi­ger Block­kurs. Dabei spa­zie­ren die Teil­neh­men­den nicht nur ge­mein­sam durch Zürich, son­dern kochen und es­sen auch ge­mein­sam. «Auch das hilft, mit­ei­nan­der ins Ge­spräch zu kom­men und sich zu ganz per­sön­li­chen Fra­gen des Le­bens aus­zu­tau­schen», sagt Ralph Kunz.

Nächste Durch­führung im Herbst­semester 2026

An der Schluss­ver­an­stal­tung des Moduls wer­den sich die Teil­neh­men­den online mit dem Yale-Theo­logen Miro­slav Volf unter­hal­ten kön­nen. Nina Bran­der freut sich da­rauf. «Wir krie­chen aus der Ecke un­se­res ei­ge­nen Faches, sprechen über un­ge­wohnte The­men und ler­nen an­dere Sicht­wei­sen ken­nen.»

Genau dies hatte sie sich von der Ver­an­stal­tung er­hofft. Und sie ist nicht allein da­mit. Das Modul war schnell aus­ge­bucht. Es wird im Herbst­se­mes­ter 2026 er­neut durch­geführt.

Aus gewohnten Denk­mustern und Prägungen aus­brechen: Bootcamp-Teil­nehmer Gregor von Rohr.

Unternehmerisch denken und handeln

Wer unter­neh­me­risch tätig sein will, muss über die Fach­grenzen hinaus zusam­men­ar­beiten und Lösun­gen ent­wickeln. Das kann man lernen. Mehr als 150 Studie­rende haben schon an einem «Entre­pre­neur­ship Boot­camp» der UZH teil­ge­nommen.

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Rund 20 Studie­rende sit­zen in einem Kreis. Der Reihe nach stellt jede Per­son ihre Idee für ein Pro­jekt oder Start-up vor: Wel­ches Pro­blem will ich da­mit lösen? Und wie gehe ich das an? An­schlies­send bil­den die Teil­neh­men­den Klein­grup­pen, um die erfolg­ver­spre­chends­ten Ideen wei­ter zu ver­fol­gen.

Gregor von Rohr, Stu­dent der Poli­tik­wis­sen­schaft und Volks­wirt­schafts­lehre, ist einer von ihnen. Er ist fas­zi­niert von der Idee einer Me­di­zin­stu­den­tin: Ihr schwebt eine Web­platt­form vor, die es ein­facher macht, schweiz­weit Teil­neh­mende für kli­ni­sche Stu­dien zu fin­den. Die Gruppe kommt zu­stande und macht sich an die Ar­beit: Die Idee aus­ar­bei­ten, tech­ni­sche Hin­der­nisse iden­ti­fi­zie­ren, mög­li­che Ko­ope­ra­tions­part­ner dis­ku­tie­ren, über die Fi­nan­zie­rung brü­ten.

Fach­über­greifende Bezugs­punkte

Der Ort des Ge­sche­hens: das «Entre­pre­neur­ship Boot­camp», eine Lehr­ver­an­stal­tung des UZH Inno­vation Hubs. Bevor die Stu­die­ren­den sich zu kon­kre­ten Pro­jekt­grup­pen for­mie­ren, eig­nen sie sich im Rah­men des Kur­ses grund­le­gen­des Wis­sen zu Inno­va­tion und Unter­neh­mer­tum an. Dazu ist die Ver­an­stal­tung inter- und trans­dis­zi­pli­när ge­stal­tet, setzt also so­wohl fach­über­grei­fende als auch aus­ser­aka­de­mi­sche Bezugs­punkte. Do­zie­rende der UZH aus den Fächern Psy­cho­lo­gie, Pä­da­go­gik und Öko­no­mie sind eben­so be­tei­ligt wie Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker aus der Un­ter­neh­mens­welt.

Die Boot­camps wol­len die Stu­die­ren­den für die Welt von Inno­vation und Unter­neh­mer­tum moti­vie­ren. Dazu sol­len die Teil­neh­men­den auch gleich ent­spre­chende Kom­pe­ten­zen er­wer­ben und prak­tisch an­wen­den kön­nen.

Wie Teams funktionieren

Gregor von Rohr ist das Unter­neh­mer­tum nicht völ­lig fremd. Schon in der Kantons­schule grün­dete er mit Mit­schü­lerin­nen und Mit­schü­lern ein klei­nes Unter­neh­men. Als er im Herbst 2024 mit dem Stu­dium an der UZH begann, war für den viel­sei­tig inte­res­sier­ten 21-Jäh­ri­gen klar, dass er seine Kom­pe­ten­zen im Be­reich Inno­vation und Unter­neh­mer­tum ver­tie­fen will. Das «Entre­pre­neur­ship Boot­camp» kam da wie gerufen.

Was ihn be­son­ders inte­res­sierte war die Frage: Wie kom­mu­ni­ziere ich in einem inter­dis­zi­pli­när zusam­men­ge­setz­ten Team? Wie kann ich eine Infor­ma­tion so ver­mit­teln, dass sie bei den Zu­hö­ren­den auch hän­gen­bleibt? Im Boot­camp er­fuhr er viel da­rü­ber, wie man sich über die Fach­gren­zen hin­weg ver­stän­digt, wie man kon­struk­tive Feed­backs gibt und wie krea­tive und pro­duk­tive Teams entstehen.

«Das Bootcamp brachte Menschen mit unter­schied­lichem fach­lichem Hinter­grund zusammen, die sonst kaum zusammen­finden würden.»

Gregor von Rohr

Student der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre

«Das Boot­camp brach­te Men­schen mit unter­schied­li­chem fach­li­chem Hin­ter­grund zu­sam­men, die sonst kaum zu­sam­men­fin­den wür­den», sagt von Rohr. Es er­mög­lich­te ihm, aus den ge­wohn­ten Denk­mus­tern und Prä­gun­gen aus­zu­brechen. Da­bei half ihm, dass die Stu­die­ren­den un­ter­ei­nan­der nicht in Kon­kur­renz stan­den. «Wir wa­ren wie eine junge Fa­mi­lie, alle zo­gen am sel­ben Strang», sagt von Rohr. «Ein Start-up ist zu Be­ginn wie ein hilfs­be­dürf­ti­ges Baby, dem man auf die Bei­ne hel­fen will. Das geht nur ge­mein­sam.»

Die Arbeits­welt von morgen

Ob das Baby «Start-up» im Rah­men des Boot­camps tat­säch­lich das Licht der Welt er­blickt, ist se­kun­där. Das Boot­camp ist pri­mär Übungs­feld. Wenn Stu­die­ren­de die Grün­dung eines Un­ter­neh­mens rea­li­täts­nah durch­spie­len, kön­nen sie da­bei wert­volle Kom­pe­ten­zen er­wer­ben – zum Bei­spiel, sich in fach­lich ge­misch­ten Teams ziel­füh­rend zu or­ga­ni­sie­ren.

«Wir wol­len un­sere Ab­sol­vie­ren­den be­fä­hi­gen, über die Fach­gren­zen hin­weg in­no­va­tiv und un­ter­neh­me­risch zu den­ken und han­deln», sagt Maria Oli­vares, Lei­te­rin In­no­va­tion an der UZH. «Denn egal ob als Un­ter­neh­me­rin oder Ar­beit­neh­mer: Die in­ter­dis­zi­pli­näre Zu­sam­men­ar­beit an Pro­jek­ten und In­no­va­tio­nen wird die Rea­li­tät der Ar­beits­welt von mor­gen sein.»

Da­bei sei­en vor allem Kom­pe­ten­zen wich­tig, die man in he­te­ro­gen zu­sam­men­ge­setz­ten Teams er­wirbt: offen sein, re­flek­tie­ren, Pro­ble­me iden­ti­fi­zie­ren und ge­mein­sam Lö­sun­gen er­ar­bei­ten. Denn: «Span­nen­de und er­folg­rei­che In­no­va­tio­nen ent­ste­hen meis­tens dort, wo Per­so­nen mit un­ter­schied­li­chen fach­li­chen Hin­ter­grün­den ihre Pers­pek­ti­ven zu­sam­men­brin­gen und ge­mein­sam an neuen Ideen ar­bei­ten», so Oli­vares. Des­halb sind die Boot­camps inter- und trans­dis­zi­pli­när kon­zi­piert.

Ein neues An­ge­bot

Mehr als 150 Stu­die­ren­de der UZH ha­ben seit 2019 am «Entre­pre­neur Boot­camp» der UZH teil­ge­nom­men. In Zu­kunft wird dieses For­mat auch in einer wei­ter­ent­wi­ckel­ten Form an­ge­bo­ten. Um inter- und trans­dis­zi­pli­näre Lehre wei­ter zu för­dern, wird die UZH ab Herbst 2026 auf Ini­tia­tive der Pro­rek­to­rin For­schung Eli­sa­beth Stark zu­sätz­lich ein drei­se­mes­tri­ges Minor-Stu­dien­pro­gramm in «In­no­va­tion & Entre­pre­neur­ship» an­bie­ten. «Die­ses Vor­ha­ben ist ein stra­te­gisch wich­ti­ger Schritt, um die Ver­mitt­lung von Inno­va­tion und En­tre­pre­neur­ship vor­an­zu­trei­ben und früh­zei­tig in der aka­de­mi­schen Aus­bil­dung zu ver­an­kern – es ist ein zu­kunfts­wei­sen­der Im­puls für die Uni­ver­si­tät Zü­rich», sagt die Pro­rek­to­rin. Es soll nicht nur die in­ter­dis­zi­pli­näre Aus­bil­dung stär­ken, son­dern auch ein frucht­bares Um­feld zur För­de­rung un­ter­neh­me­ri­scher Ta­len­te schaf­fen.

Das Minor-Pro­gramm rich­tet sich als eigen­stän­di­ges Ne­ben­fach an Stu­die­ren­de, die noch tie­fer ins The­ma ein­tau­chen und ein brei­te­res me­tho­di­sches Wis­sen da­zu er­wer­ben wol­len. Die bis­he­ri­gen Boot­camp-Module wer­den wei­ter­ent­wickelt und in neuer Form in das Minor­pro­gramm in­te­griert. Sie kön­nen aber auch wei­ter­hin als ein­zel­ne Mo­dule von Stu­die­ren­den ge­wählt wer­den, die dem The­ma In­no­va­tion nicht ein gan­zes Ne­ben­fach wid­men wollen.

Über die Fach­grenzen hinweg offen und lern­begierig: Gregor von Rohr (links) im Aus­tausch mit Unter­nehmer und Start-up-Berater Jan Fülscher.

Was die bei­den An­ge­bote ge­mein­sam ha­ben: «Wir wol­len da­mit wie schon bei den Boot­camps Stu­die­ren­de aller Fach­rich­tun­gen an­spre­chen», sagt Jan Fül­scher. Der Un­ter­neh­mer und Start-up-Be­ra­ter un­ter­stützt das Team von Maria Oli­vares dabei, künf­tige, un­ter­neh­me­risch aus­ge­rich­te­te Lehr­an­ge­bote zu kon­zi­pie­ren. Im Ver­gleich zu an­de­ren In­sti­tu­tio­nen, die häu­fig ein­sei­tig auf High­tech fo­kus­sie­ren, spricht die UZH in ihren In­no­va­tions-Kur­sen Stu­die­ren­de aller Fach­rich­tun­gen an, sagt Jan Fül­scher: «In­no­va­tion ist in al­len ge­sell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Be­rei­chen re­le­vant. Die in­no­va­tive Ju­ris­tin braucht es eben­so wie den inno­va­ti­ven Bio­logen.»

Chancen nutzen

Über die Fach­gren­zen hin­weg offen und lern­be­gie­rig sein: Die­sem Grund­satz will auch Gre­gor von Rohr treu blei­ben. Sein nächs­ter Schritt führt ihn in ein Aus­tausch­jahr in den USA. Wenn er da­nach an die UZH zu­rück­kehrt, wird er sich wei­ter­hin nach in­ter- und trans­dis­zi­pli­nären Lehr­an­ge­bo­ten um­schau­en, um sich das Rüst­zeug für eine selbst­be­stimmte Zu­kunft zu be­schaf­fen. Denn für ihn ist klar: Das Le­ben ist nicht als ge­ra­de Linie vor­ge­zeich­net und hält viele Mög­lich­kei­ten und Über­rasch­un­gen be­reit. Da­rauf will er sich vor­be­rei­ten.

Suchen gemein­sam Lösun­gen für Nut­zungs­kon­flikte in der Zürcher Bäcker­an­lage: Markus Meile (Stadt Zürich), Eveline Oder­matt (Zentrum für Krisen­kom­pe­tenz UZH) und Ger­ma­nistik-Dokto­randin Chiara Diener.

Vernetzter denken

In einem Semi­nar des UZH-Zentrums für Krisen­kom­pe­tenz suchen Studie­rende fach­über­grei­fend nach kon­kreten Lösungen für urbane Kon­flikte. Zum Beispiel in der Zürcher Bäcker­anlage.

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Es ist eine Oase in­mitten der Stadt Zürich: die Bäcker­an­lage. Riesige Bäume, Grün­fläche, ein Was­ser­becken für die Kin­der und ein Res­tau­rant. Der Park ist be­liebt bei alt und jung. Auch Ob­dach­lose und die Dro­gen­szene nut­zen ihn seit den 1970er-Jahren immer wieder als Treff­punkt. Da­bei kommt es auch zu Kon­flik­ten zwischen den Nut­zer­grup­pen – und von poli­tischer Seite zur For­de­rung nach einem har­ten Durch­grei­fen gegen die Szene. Die Fra­ge taucht des­halb immer wieder auf: Wie lässt sich der Raum fried­lich nutzen?

Diese Frage ist nicht nur poli­tisch, son­dern auch wis­sen­schaft­lich inte­res­sant, findet Chiara Diener. Die Dok­to­ran­din der Ger­ma­nis­tik be­schäf­tigt sich in ihrer Dis­ser­ta­tion mit der In­ter­ak­tion von Men­schen in so­zia­len Räu­men – aller­dings mit dem Fo­kus auf theo­re­ti­sche As­pek­te. Er­gän­zend zu ihrer Dis­ser­ta­tion be­such­te sie ein Mo­dul an der UZH, in wel­chem sie das Thema an­hand eines kon­kre­ten ge­sell­schaft­li­chen Brenn­punkts be­trach­ten konnte. Ihre Frage: Trägt die räum­li­che Ge­stal­tung der Bäcker­an­lage mit dazu bei, dass es zu Kon­flik­ten kommt?

Das Modul nennt sich «Die Krise und die Stadt: Ur­bane Her­aus­for­de­run­gen und Krisen­kom­pe­tenz im ur­banen Raum Zürich» und wird vom Zen­trum für Krisen­kom­pe­tenz der Uni­ver­si­tät Zürich an­ge­bo­ten. Die Ver­an­stal­tung setzt den Rah­men: In in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Zwei­er­teams be­ar­bei­ten die Teil­neh­men­den The­men, die in der Stadt Zürich zu Kon­flik­ten und Krisen ge­führt haben oder füh­ren. Da­bei ging es neben Kon­flik­ten im so­zia­len Raum etwa um die Pan­de­mie und den Kli­ma­wandel.

Offen­heit ist gefragt

Chiara Diener und ein Stu­dent der Re­li­gions­wis­sen­schaft fan­den sich über ihr ge­mein­sa­mes In­te­res­se an einer be­stimm­ten wis­sen­schaft­li­chen Me­tho­de, um Räume zu ana­ly­sie­ren. Der Stu­dent hatte die Me­tho­de be­reits an­ge­wandt, Diener war in­te­res­siert, dies eben­falls zu tun. So er­kun­de­ten sie ge­mein­sam die Bäcker­an­lage, aus­ge­rüs­tet mit me­tho­di­schen Tex­ten, Ka­mera und offe­nen Augen und Ohren.

In der ge­mein­sa­men Se­mi­nar­ar­beit brachte Diener vor allem so­zio­lo­gi­sche Theo­rien zum Stadt­raum mit ein, der Re­li­gions­wis­sen­schaft­ler be­ton­te unter an­de­rem den his­to­ri­schen Blick auf den Park. Ge­mein­sam kamen sie zum Fazit: Ja. Die An­lage wäre gross ge­nug, da­mit sich ver­schie­dene Nut­zer­grup­pen da­rin in Ko­exis­tenz auf­hal­ten kön­nen. Aller­dings sind die ent­sprech­en­den Teile des Raumes zu wenig von­ein­an­der ab­ge­trennt – was sich durch bau­liche Mass­nah­men än­dern liesse.

«Mir wurde klar, warum sich gewisse Mass­nahmen zum Klima­schutz nicht so einfach realisieren lassen. Es braucht eine recht­liche Grund­lage und einen politischen Prozess.»

Chiara Diener

Germanistik-Doktorandin

Für Diener war die Er­fah­rung in ver­schie­de­ner Hin­sicht wert­voll. Einer­seits konnte sie eine neue Me­tho­de an­wen­den. An­de­rer­seits war die Zu­sam­men­ar­beit vor allem eine Übung in Offen­heit: «Das braucht es, um eine Ar­beit nicht wie sonst üb­lich allein zu schrei­ben. Und da ent­steht erst recht ein an­de­res Re­sul­tat, wenn das mit einer Per­son ge­schieht, die nicht die­sel­be fach­li­che Brille trägt wie ich und an­dere Pers­pek­ti­ven ein­bringt.»

Einzig­artige Kooperation

Die ei­ge­ne Pers­pek­ti­ve er­wei­tern, un­ter­schied­li­che fach­li­che Blick­wink­el kom­bi­nie­ren und da­bei eine kon­kre­te ge­sell­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung ana­ly­sie­ren: Das Mo­dul zu ur­ba­nen Her­aus­for­de­run­gen und Krisen för­dert genau diese Fä­hig­kei­ten. Im Herbst 2024 wurde es vom Zen­trum für Krisen­kom­pe­tenz der UZH erst­mals an­ge­bo­ten. Die Ver­an­stal­tung für Mas­ter­stu­die­ren­de und Dok­to­rie­ren­de ist nicht nur in­ter- son­dern auch trans­dis­zi­pli­när an­ge­legt. Ne­ben ver­schie­de­nen Fach­rich­tun­gen wollte man also auch Praxis­part­ner von ausser­halb der Uni­ver­si­tät ein­be­ziehen.

In der Pan­de­mie hatte sich ge­zeigt, dass die Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen Wis­sen­schaft und Ge­sell­schaft nicht immer op­ti­mal funk­tio­niert. So ent­stand die Idee einer Ko­ope­ration zwi­schen Uni­ver­si­tät und Stadt Zürich. Im Rah­men des drei­jäh­ri­gen Pro­jekts or­ga­ni­siert die UZH auch erst­mals ein Lehr­an­ge­bot in Zu­sam­men­ar­beit mit der Stadt Zürich.

In­halt­lich geht es im Kurs um die Fra­gen: Mit wel­chen Kon­flik­ten und Kri­sen ist die Stadt Zürich kon­fron­tiert? Wie kann sie sich für zu­künf­ti­ge Krisen wapp­nen? Das Mo­dul ist da­bei in The­men­blöcke auf­ge­teilt, die sich je­weils einer städ­ti­schen Her­aus­for­de­rung widmen.

Wert­volle Diskussionen

Zur Vor­be­rei­tung lesen die Stu­die­ren­den Texte aus ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen zum ent­sprech­en­den Thema. In der Lehr­ver­an­stal­tung fin­det dann ein Co-Teach­ing statt: Fach­per­so­nen der Uni­ver­si­tät und aus der Stadt­ver­wal­tung brin­gen ihr Wis­sen und ihre Sicht­weise ein. Zu­sätz­lich be­su­chen die Teil­neh­men­den ge­mein­sam Orte, die für Her­aus­for­de­run­gen der Stadt Zürich ste­hen – wie etwa die Bäcker­an­lage oder eine Un­ter­kunft für Flücht­linge.

30 Stu­die­ren­de aus fünf Fa­kul­tä­ten ha­ben an der ers­ten Durch­füh­rung des Mo­duls teil­ge­nom­men. Sie nutz­ten die Chance für den un­ge­wohn­ten fach­über­grei­fen­den Aus­tausch. Chiara Diener in­te­res­sier­te sich zum Beis­piel für die Fra­gen: Was sagt die Po­li­tik­wis­sen­schaft dazu, wie Not­recht in einer Krise le­gi­ti­miert sein muss? Und was weiss die So­zio­lo­gie da­rü­ber, wie man Mass­nah­men gegen den Klima­wan­del so­zial­ver­träg­lich ge­stal­tet? «Diese ge­bün­del­te, viel­fäl­ti­ge Kom­pe­tenz zu er­le­ben, war ein­drück­lich», sagt die Ger­ma­nis­tin.

Ein Augen­öffner war für sie auch der Ein­be­zug von Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern der Stadt Zürich. Der Ein­blick in die recht­li­chen und po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen und Zwänge einer Stadt­ver­wal­tung war ein­drück­lich: «Mir wur­de klar, wa­rum sich etwa ge­wisse Mass­nah­men zum Klima­schutz nicht so ein­fach rea­li­sie­ren las­sen wie man sich das von aus­sen vor­stellt. Alles braucht eine recht­liche Grund­lage und durch­läuft einen poli­ti­schen Prozess.»

Bessere Lösungen

«Genau darum lohnt sich der trans­dis­zi­pli­näre An­satz», sagt Eveline Oder­matt. Die Sozial­wis­sen­schaft­le­rin am Zen­trum für Krisen­kom­pe­tenz hat das Modul mit­kon­zi­piert, ko­or­di­niert und als Do­zen­tin mit­ge­lei­tet: «Wenn wir die Pers­pek­ti­ven der ver­schie­de­nen Fach­rich­tun­gen und der Praxis kom­bi­nie­ren, fin­den wir bes­sere Lö­sun­gen. Das gilt ins­be­son­dere in einer Welt, in der die Her­aus­for­de­run­gen immer kom­plexer und glo­baler werden.»

Die Perspektive verändern: Markus Meile, Eveline Odermatt und Germanistik-Doktorandin Chiara Diener auf dem Dach des Pavillons in der Bäckeranlage.

Aber nicht nur die Lö­sun­gen sind besser, auch der Lern­ef­fekt ist grös­ser. So­bald an­de­re Fach­be­rei­che oder Ak­teure von aus­ser­halb der Uni­ver­si­tät in­vol­viert sind, müsse man als For­sche­rin und For­scher die ei­ge­ne Rolle um­so mehr ref­lek­tie­ren. Was ver­ste­he ich über­haupt unter Krise und Krisen­re­sil­ienz? Von wel­chen Wer­ten gehe ich in der Dis­kus­sion aus? «Dies muss in der Zu­sam­men­ar­beit trans­pa­rent wer­den», sagt Odermatt.

Eine Frage der Zeit

Sich in eine andere Person hin­ein­zu­ver­set­zen, ist da­bei die grösste Her­aus­for­de­rung, so die Er­fah­rung von Ger­ma­nis­tin Chiara Diener: «Es braucht viel Zeit, die ei­ge­ne Sicht­weise zu ver­las­sen und die unter­schied­li­chen Pers­pek­ti­ven aus­zu­tau­schen – da konnte dieses ein­se­mes­trige Mo­dul nur ein An­fang sein.»

Für eine Fort­set­zung in der Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Uni­ver­si­tät und Zürich ist Mar­kus Meile offen. Der Stabs­chef der Krisen­füh­rungs­or­ga­ni­sa­tion der Stadt Zürich sagt: «Wir wa­ren so­fort be­geis­tert von der An­frage sei­tens UZH für eine ge­mein­same Ver­an­stal­tung.» Für ihn hat sich die Teil­nahme am noch lau­fen­den Pro­jekt schon jetzt ge­lohnt. Da­bei denkt er an die Dis­kus­sio­nen wie auch die Se­mi­nar­ar­bei­ten, wel­che die Stu­die­ren­den zu The­men wie Hit­ze­min­de­rung, Woh­nungs­krise oder Kon­flikte im so­zia­len Raum ver­fasst haben: «Sie ent­hal­ten Er­kennt­nisse und neue Ge­dan­ken, die un­sere Sicht auf die Stadt be­reichern.»

Im Früh­ling 2026 wird das Mo­dul zu ur­ba­nen Her­aus­for­de­run­gen und Kri­sen­kom­pe­tenz ein zwei­tes Mal an­ge­bo­ten. «Die Idee ist aus­bau­fähig», ist Eveline Oder­matt über­zeugt – über die Zu­sam­men­ar­beit mit der Stadt­ver­wal­tung hin­aus etwa zu ge­sell­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen und der Be­völ­ke­rung. So könnte das Modul zu einem Vor­bild wer­den für eine neue Art der Lehre, welche die Pers­pek­ti­ven aller Be­tei­lig­ten bereichert.

Wie sieht ein Kind die Welt? Als Mentor lernte Wirt­schafts­student Andri Brühwiler, sich in andere hin­ein­zu­versetzen.

Von Kindern lernen

Studie­ren­de der UZH un­ter­stüt­zen Kin­der und Jugend­li­che aus so­zial be­nach­tei­lig­ten Fa­mil­ien – und ler­nen da­bei eine Men­ge. Mög­lich macht dies das in­ter­dis­zi­pli­näre Mo­dul «Men­to­ring für die nächste Generation».

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Für Andri Brüh­wiler war es ein Ein­tau­chen in eine an­dere Kul­tur: Ein Jahr lang traf sich der Wirt­schafts­stu­dent wö­chent­lich mit einem neun­jäh­ri­gen Pri­mar­schüler, des­sen El­tern als sy­ri­sche Kur­den in die Schweiz ge­flüch­tet wa­ren, und half ihm bei schu­li­schen Her­aus­for­de­run­gen. Ein­füh­lungs­ver­mö­gen war ge­fragt: Wel­che Be­dürf­nis­se hat der Jun­ge? Was be­rei­tet ihm Schwie­rig­kei­ten? Und vor allem: Was er­war­tet er von mir, wie kann ich ihn un­ter­stützen?

Die Lern­kurve war steil: Als Ers­tes rea­li­sier­te Andri Brüh­wiler, dass dem Jun­gen zu­hause ein Ar­beits­platz für die Haus­auf­ga­ben fehlt. Ge­mein­sam rich­te­ten sie einen ein. Schritt für Schritt ge­lang es dem Stu­den­ten, das Ver­trauen des Schü­lers zu ge­win­nen, so­dass dieser ihm von sei­nen Schwä­chen er­zähl­te: Er hatte Mühe mit der deut­schen Spra­che, war et­was chao­tisch und es fehl­te ihm an Durch­halte­wil­len beim Lernen.

«Als Mentor brauchte ich Fähig­keiten, die bisher im Studium nicht gefragt waren.»

Andri Brühwiler

Wirtschaftsstudent

Brühwiler brachte seinen ge­sam­ten Er­fah­rungs­schatz ein: Seine ei­ge­nen Lern­er­fah­run­gen eben­so wie das an der Uni­ver­si­tät Ge­lern­te. Denn die Er­fah­rung mit den Kin­dern ist für die Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten zwar ein Sprung ins kalte Was­ser – aller­dings mit Auf­fang­netz. Das Men­tor­ing ist ein­ge­bet­tet in eine Lehr­ver­an­stal­tung an der Uni­ver­si­tät Zürich: Das Mo­dul «Men­tor­ing für die nächs­te Ge­ne­ra­tion» wird an der UZH seit 2023 an­ge­bo­ten.

Lern­fähiges Gehirn

Dozie­rende aus den Fächern Päda­go­gik, Psy­cho­lo­gie und Öko­no­mie be­rei­ten die an­ge­hen­den Men­to­rin­nen und Men­to­ren auf ihre Auf­gabe vor. In den ein­füh­ren­den Ver­an­stal­tun­gen ver­mit­teln diese in­ter­dis­zi­pli­när ihr Wis­sen: Was brau­chen Kin­der, um glück­lich zu sein? Was macht es aus, dass ein Men­to­ring wirk­sam ist? Zen­tral ist da­bei im­mer die Kern­bot­schaft: Un­ser Ge­hirn ist plas­tisch. Was ein Kind heu­te nicht kann, lernt es viel­leicht morgen.

Im Lau­fe der zwei Se­mes­ter be­su­chen die Stu­die­ren­den zu­dem meh­re­re Grup­pen­coach­ings und kön­nen bei Fra­gen und Pro­ble­men je­der­zeit ein Ein­zel­coach­ing in An­spruch nehmen.

Vor allem aber sol­len die Stu­die­ren­den in der Be­geg­nung mit ihren Men­tees neue Kom­pe­ten­zen er­wer­ben. Denn da­rum geht es: Men­tor­ing stärkt das Ein­füh­lungs­ver­mö­gen und Selbst­ver­trau­en eben­so wie die Fä­hig­keit, Lö­sun­gen zu fin­den in kri­ti­schen Sit­ua­tio­nen.

Bildungs­chancen für alle

Aus­löser für die Schaf­fung des Men­tor­ing-Moduls an der UZH war die Asyl­or­ga­ni­sa­tion Zürich (AOZ). Auch Kin­der aus so­zial be­nach­tei­lig­ten Ver­hält­nis­sen sol­len gute Bil­dungs­chan­cen ha­ben, lau­tet deren Credo. Sie bie­tet des­halb das Men­tor­ing­pro­gramm «Future Kids» an. Stu­die­ren­de ver­schie­de­ner Hoch­schu­len neh­men als Men­to­rin­nen und Men­to­ren für jun­ge Men­schen im Kan­ton Zürich daran teil. Die Nach­frage sei­tens der Pri­mar­schu­len ist gross. Des­halb fragte die AOZ die Uni­ver­si­tät Zürich an, ob sie sich eben­falls da­ran beteilige.

«Sozial-emotionale Kom­pe­tenzen werden auf dem Arbeits­markt auch in Zukunft gefragt sein, da sie nicht durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden können.»

Ulf Zölitz

Professor für Ökonomik der Kinder- und Jugendentwicklung

Da zögerte Ulf Zölitz nicht. Der Pro­fes­sor am Ins­ti­tut für Volks­wirt­schafts­lehre und am Jacobs Center for Pro­duc­tive Youth Deve­lop­ment der UZH be­schäf­tigt sich in seiner For­schung mit ge­nau die­sen Fra­gen: Wie kann Kin­dern ge­hol­fen wer­den, ihr Po­ten­zial aus­zu­schöp­fen? Wie lässt sich die Chan­cen­gleich­heit in der Bil­dung er­hö­hen? Zwei­mal hat Zölitz das «Men­tor­ing für die nächs­te Ge­ne­ra­tion» be­reits an­ge­bo­ten. Je­weils rund 30 Stu­die­ren­de aus den un­ters­chied­lichs­ten Fach­rich­tun­gen der UZH ha­ben da­ran teil­ge­nom­men – im Herbst 2025 star­tet die dritte Durch­füh­rung.

Lernen in der Begegnung

Es sind vor allem sozial-emo­tio­na­le Fä­hig­kei­ten, welche die teil­neh­men­den Stu­die­ren­den da­bei stär­ken kön­nen. «Gera­de solche Kom­pe­ten­zen wer­den auf dem Ar­beits­markt auch in Zu­kunft ge­fragt sein, da sie nicht durch Künst­li­che In­tel­li­genz er­setzt wer­den kön­nen», sagt Zölitz: «Es sind Schlüs­sel­kom­pe­ten­zen, die in je­dem Be­rufs­feld wich­ti­ger wer­den.» Ent­sprech­end ist die Ver­an­stal­tung nicht nur für Stu­die­ren­de in­te­res­sant, die spä­ter im Lehr­be­ruf tä­tig sein wollen.

Beim Mentoring ist Spon­ta­neität gefordert: Professor Ulf Zölitz (links) und Student Andri Brühwiler.

Andri Brüh­wiler be­schreibt in sei­nem Re­fle­xions­be­richt, wie ihn das Men­tor­ing ge­prägt hat. «Im Men­tor­ing brauch­te ich Fä­hig­kei­ten, die bis­her im Stu­dium nicht ge­fragt wa­ren», sagt er. So wur­de ihm be­wusst, dass Ge­duld eine sei­ner gros­sen Stär­ken ist. «Gleich­zei­tig konn­te ich sehr gut üben, in Si­tua­tio­nen spon­tan zu rea­gie­ren – was mir bis­her schwe­rer fiel», sagt der 27-Jäh­rige. So muss­te er trotz akri­bi­scher Pla­nung eines Tref­fens manch­mal spon­tan das Pro­gramm um­stel­len – etwa wenn der Schü­ler ver­ges­sen hatte, dass am nächs­ten Tag eine Prü­fung oder ein Vor­trag statt­fand und Un­ter­stüt­zung da­bei be­nö­tig­te.

Die Men­tees selbst wur­den auf­ge­for­dert, den Stu­die­ren­den re­gel­mäs­sig zu si­gna­li­sie­ren, wie sie un­ter­stützt wer­den möch­ten. Zu­dem tausch­ten die Stu­die­ren­den der ver­schie­dens­ten Fach­rich­tun­gen un­ter­ein­an­der immer wie­der Tipps aus: Wie mo­ti­vierst du dei­nen Men­tee? Wel­che Lern­stra­te­gien hel­fen dei­nem Men­tee am besten?

Viel bewirkt

Andri Brüh­wiler war es eine Freude, zu se­hen, wie sein Men­tee im Laufe des Jah­res sprach­lich si­che­rer und beim Ler­nen mo­ti­vier­ter und or­ga­ni­sier­ter wur­de. «Es war ein­drück­lich, zu er­le­ben, dass ein wöch­ent­li­cher Auf­wand von zwei Stun­den so viel be­wir­ken kann.» Gleich­zei­tig wur­de ihm be­wusst, wie un­gleich die Bil­dungs­chan­cen ver­teilt sind: «Meine Eltern ha­ben mich immer un­ter­stützt. Das kön­nen aber nicht alle El­tern, nur schon we­gen der sprach­li­chen Vor­aus­setzungen.»

Gestärktes Reflexions­vermögen: Theologie-Studentin Alina Ring profitierte vom Modul «Ethik und Verantwortung».

Mut zum Urteil

Im Leben müs­sen wir stän­dig Ent­schei­dun­gen tref­fen, und nicht im­mer ist es ein­fach, zu be­ur­tei­len, was ethisch das Rich­ti­ge ist. An der UZH kann man ethische Kom­pe­tenz trainieren.

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Theo­lo­gie­stu­den­tin Ali­na Ring hat einen be­son­de­ren Ne­ben­job. Die 26-Jäh­ri­ge ist Seel­sor­ge­rin bei der Schwei­zer Armee. Wünscht zum Bei­spiel ein Re­krut ein Ge­spräch, reist sie nach Chur zur In­fan­te­rie­schu­le 12. Da­bei kann es um Pro­ble­me im Mi­li­tär, aber auch im Pri­vat­le­ben ge­hen. 

Ali­na Ring un­ter­steht als Seel­sor­ge­rin einer Schwei­ge­pflicht. Aller­dings: Falls sich im Ge­spräch zeigt, dass eine Per­son selbst- oder fremd­ge­fähr­det ist, darf sie die Schwei­ge­pflicht brechen – sie muss aller­dings nicht. «Zum Glück ist diese Si­tua­tion noch nie ein­ge­tre­ten», sagt Ring: «Denn dann stün­de ich vor ei­nem ethi­schen Di­lem­ma: Soll ich res­pek­tie­ren, dass je­mand mir et­was im Ver­trau­en er­zählt? Oder ist prio­ri­tär, ein mög­li­cher­wei­se ge­fähr­de­tes Le­ben zu schüt­zen?»

Mit sol­chen ethi­schen Fra­gen sieht sich Ali­na Ring immer wie­der kon­fron­tiert, so­wohl pri­vat als auch im Stu­dium: Für wel­che Pro­jek­te soll ich Geld spen­den? Was den­ke ich zum Thema assis­tier­ter Sui­zid? Im Rah­men ihres Theo­lo­gie­stu­diums hat sie be­reits eine Pflicht­ver­an­stal­tung zu Ethik be­sucht: «Aber ich fühl­te mich da­nach noch nicht sicher, wie ich ethi­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen soll.» Dass sol­che Fra­gen auch in ihrem Wunsch­be­ruf Pfar­re­rin und Ge­fäng­nis­seel­sor­ge­rin auf sie zu­kom­men wer­den, davon ist sie über­zeugt.

Sicher­heit gewinnen

Um mehr Sicher­heit im Um­gang mit ethi­schen Ent­schei­dun­gen zu ge­win­nen, hat sie sich für das Mo­dul «Und was ma­chen wir jetzt? Ethi­sche Ur­teils­bil­dung und mo­ra­li­sche Kom­pe­tenz» an­ge­mel­det. Die School for Trans­dis­ci­pli­na­ry Stu­dies (STS) bot das Mo­dul, das vom In­sti­tut für So­zial­ethik der UZH ent­wi­ckelt wur­de, im Früh­jahrs­se­mes­ter 2025 erst­mals an. Rund 30 Stu­die­ren­de aus ver­schie­de­nen Fach­rich­tun­gen nah­men da­ran teil.

Das Modul «Und was machen wir jetzt? Ethische Urteils­bildung und moralische Kompetenz» vermittelt Sicher­heit bei ethischen Entscheidungen.

«Wir wol­len die Teil­neh­men­den für ethische As­pek­te bei Ent­schei­dun­gen sen­si­bi­li­sie­ren und ihre Kom­pe­tenz stär­ken, sol­che Ent­schei­de zu tref­fen», sagt Lea Chilian, Ober­as­sis­ten­tin am In­sti­tut für So­zial­ethik und Pro­gramm­ver­ant­wort­li­che des Mo­duls. Ethi­sche Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, wer­de für uns Men­schen immer wich­ti­ger, ist Chilian über­zeugt. Ein wich­ti­ger Grund da­für: die Glo­ba­li­sie­rung. Sie macht ei­ner­seits die Zu­sam­men­hän­ge kom­ple­xer: Wel­che Nah­rungs­mit­tel und Klei­dung ich kau­fe, hat öko­lo­gi­sche und so­zia­le Aus­wir­kun­gen rund um die Welt. Aus­ser­dem wer­den wir heute mit einer Viel­falt von Wert­vor­stel­lun­gen kon­fron­tiert, zu de­nen wir uns eine Mei­nung bil­den sol­len.

«Ethische Kompe­tenz zu er­wer­ben ist wichtig, da Aka­demi­kerinnen und Aka­demiker häufig in beruflichen Posi­tionen mit viel Ver­ant­wor­tung und Ent­schei­dungs­be­fugnis tätig sind.»

Lea Chilian

Oberassistentin am Institut für Sozialethik

Neben der Globa­li­sie­rung wirft auch der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt neue Fra­gen auf: Wie teuer darf eine me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung sein? Welche Ent­schei­dun­gen über­las­sen wir der Künst­li­chen In­tel­li­genz? «Ethi­sche Kom­pe­tenz zu er­wer­ben ist ge­ra­de für Stu­die­ren­de wich­tig, da Aka­de­mi­ke­rin­nen und Aka­de­mi­ker häu­fig in be­ruf­li­chen Po­si­tio­nen mit viel Ver­ant­wor­tung und Ent­schei­dungs­be­fug­nis tä­tig sind – und das be­trifft alle Stu­dien­rich­tun­gen», sagt Chilian.

Die Werte der Anderen

«Wenn wir der Kom­ple­xi­tät einer ethi­schen Ent­schei­dung ge­recht wer­den wol­len, ist eine gründ­li­che Re­fle­xion nö­tig», sagt Chilian. Eine gute Ent­schei­dung zeich­ne sich da­durch aus, dass man ver­suche, alle As­pek­te und Ak­teu­re rund um eine Fra­ge­stel­lung zu be­rück­sich­ti­gen. Und weil jede aka­de­mi­sche Dis­zi­plin ihre ei­ge­nen Fra­ge­stel­lun­gen und oft auch Wer­te habe, sei es sinn­voll, da­rü­ber auch in­ter­dis­zi­pli­när in den Aus­tausch zu tre­ten und nach den grund­le­gen­den Prin­zi­pien der Ent­schei­dungs­fin­dung zu fragen.

Am Modul «Ethik und Ver­ant­wor­tung» wa­ren ins­be­son­de­re Do­zie­ren­de aus den Dis­zi­pli­nen Phi­lo­so­phie – mit ihrem Spe­zial­ge­biet der Ethik und bei­spiels­wei­se der Me­di­zin­ethik – und Theo­lo­gie be­tei­ligt. Zu­dem wa­ren Gäste ein­ge­lad­en, die da­rü­ber be­rich­ten, wie sie in ihrer be­ruf­li­chen Pra­xis mit ethi­schen Fra­gen um­ge­hen – etwa ein Ju­rist einer Soft­ware­fir­ma.

«Der Blick über die Fach­grenzen war besonders wertvoll.»

Alina Ring

Theologiestudentin

Für Alina Ring war der Blick über die Fach­gren­zen be­son­ders wert­voll. Denn ihr Stu­dien­fach Theo­lo­gie be­schäf­tigt sich zwar mit dem christ­li­chen Wer­te­kom­pass. Da­bei sind Nächs­ten­lie­be und die Be­reit­schaft, zu ver­ge­ben, zen­tral. «Wie man diese Wer­te aber im kon­kre­ten Fall ge­wich­tet und zu ei­nem ethi­schen Ur­teil kommt, da­zu stellt die Theo­lo­gie kein Mo­dell be­reit», sagt Ring. Umso wert­vol­ler war für sie, Mo­delle der ethi­schen Ent­schei­dungs­fin­dung ken­nen­zu­ler­nen, wie sie ins­be­son­dere in der Phi­lo­so­phie ent­wickelt werden. 

Den Werk­zeug­koffer erweitern

Im Se­mi­nar ging es da­rum, sei­nen ei­ge­nen, per­sön­lich pas­sen­den Weg zu fin­den, wie man zu stim­mi­gen ethi­schen Ur­tei­len kom­men kann. «Wir wol­len den Stu­die­ren­den einen Werk­zeug­kof­fer mit Me­tho­den mit­ge­ben», sagt Chilian. 

Alina Ring ist fündig ge­wor­den im Koffer – bei einer be­stimm­ten Me­tho­de der ethi­schen Ent­schei­dungs­fin­dung. Diese ent­hält vor allem fol­gen­de Schrit­te: Fak­ten sam­meln, Pro­blem be­nen­nen, Ar­gu­men­te ana­ly­sie­ren und ge­wich­ten, Ent­schei­den. Gleich­zei­tig half die Ver­an­stal­tung Alina Ring, sich ihrer ei­ge­nen Wer­te noch kla­rer zu wer­den, ohne die eine Ent­schei­dung nicht mög­lich ist. Sie weiss heute: Soli­da­ri­tät, Ver­ge­bung, Gleich­be­rech­ti­gung, Wohl­wol­len und Au­then­ti­zi­tät sind für sie zen­tral.

Wege finden, die zu einem stimmigen ethischen Urteil führen: Dozentin Lea Chilian und Studentin Alina Ring.

Die Studie­ren­den für ethi­sche Ar­gu­men­te zu sen­si­bi­li­sie­ren, da­zu dien­te ins­be­son­de­re auch die schrift­li­che Ar­beit, wel­che die Teil­neh­men­den in in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Klein­gruppen schrie­ben. Der Auf­trag: Eine frei wähl­bare Person dazu in­ter­vie­wen, wie sie in ihrem Be­rufs­all­tag ethi­sche Ent­schei­dun­gen trifft. Alina Ring war Teil eines Drei­er­teams, die ein für sie spe­ziell in­te­res­san­tes Thema wähl­te. Ge­mein­sam mit einem Dok­to­ran­den der Psy­cho­lo­gie und einem Stu­den­ten der Mu­sik­ge­schich­te in­ter­view­te sie einen Re­kru­tie­rungs­psy­cho­lo­gen der Schwei­zer Armee.

Es bleibt schwierig

Ihr Fa­zit nach dem Mo­dul: «Es braucht Mut, ethi­sche Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Mo­delle und Theo­rien schaf­fen da­bei Sicher­heit.» Ein­fa­cher wur­de es für sie nicht, solche Ur­tei­le zu fäl­len. Denn im Lau­fe der Ver­an­stal­tung wurde im­mer deut­li­cher, wie kom­plex ethisch rele­van­te Situa­tio­nen sind. Eine Er­fah­rung, die Lea Chilian als Do­zen­tin ver­traut ist: «Bei in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Ver­an­stal­tun­gen haben die Stu­die­ren­den nach­her oft mehr Fra­gen als zu­vor. Aber das ist ein gutes Zei­chen – man er­kennt die Viel­falt des The­mas», sagt Chilian.

Alina Ring fühlt sich heu­te mit ihrem neuen Rüst­zeug siche­rer, wenn es um ethi­sche Fra­ge­stel­lun­gen geht. Die Frage, ob sie die Schwei­ge­pflicht als Mi­li­tär­seel­sor­ge­rin im Ernst­fall brechen wür­de, kann sie nicht all­ge­mein be­ant­wor­ten. Was sie weiss: «Es gibt nicht die eine Ant­wort. Aber ich wür­de nach die­sem Mo­dul eher küh­len Kopf be­wah­ren: Die Situa­tion durch­denken und mei­nen Ent­schluss dann gut ver­ant­wor­ten kön­nen.»

Brücken schlagen zwischen Lingu­istik, Bio­logie, Infor­matik, Hirn­forschung und Philo­sophie: Teil­neh­mende des neuen inter­diszi­plinären Master-Studien­programms «Evolu­tionäre Sprach­wissen­schaft».

Abenteuer Sprachen

Wie ent­stan­den die Spra­chen? Und wie wer­den wir in Zu­kunft kom­mu­ni­zie­ren? Ein neues Mas­ter-Stu­dien­pro­gramm an der UZH geht die­sen Fragen nach – in einer ein­zig­ar­ti­gen fach­li­chen Breite.

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Pommes frites machen nicht nur satt, son­dern kön­nen auch zum Ver­ständ­nis der chi­ne­si­schen Spra­che bei­tra­gen: Denn aus den Stäb­chen las­sen sich Schrift­zei­chen for­men. Seraina Bet­schart liess sich bei einem Mit­tag­es­sen auf die­se Wei­se ei­ni­ge Prin­zi­pien des Chi­ne­si­schen er­klä­ren – von einer chi­ne­si­schen Kom­mi­litonin.

Die bei­den sprach­be­geis­ter­ten Stu­den­tin­nen neh­men seit Herbst 2025 am Mas­ter­stu­dien­gang «Evo­lu­tio­näre Sprach­wis­sen­schaft» teil. Ihr Spiel mit den Pommes war nicht nur Ver­gnü­gen, son­dern zum ge­gen­sei­ti­gen Nut­zen. Die Chi­ne­sin hatte Se­rai­na Bet­schart um Hil­fe bei einer Pro­gram­mier­auf­gabe ge­be­ten: Es ging da­rum, einen As­pekt der chi­ne­si­schen Spra­che mit ei­nem Com­pu­ter­pro­gramm zu ana­ly­sie­ren. Kein Pro­blem für Bet­schart, die im Ba­che­lor Com­pu­ter­lin­gu­is­tik stu­diert hatte. Doch um der Kom­mi­li­to­nin hel­fen zu kön­nen, musste sie erst die Struk­tur der chi­ne­si­schen Spra­che bes­ser ver­ste­hen – mit Hilfe der Pommes.

«So viele Sprachen wie möglich lernen»

Seraina Betschart

Studentin

Das Mittag­es­sen war eine Win-Win-Situa­tion. Die chi­ne­si­sche Stu­den­tin er­hielt Un­ter­stüt­zung und Se­rai­na Bet­schart sagt: «Ich möch­te ohne­hin so vie­le Spra­chen wie mög­lich ler­nen.» Eine zu­sät­zli­che Spra­che ler­nen: Was bei an­de­ren Men­schen nach einem halb­wegs ernst­ge­mein­ten Neu­jahrs­wunsch tönt, ist für sie ein zen­tra­ler In­halt ihres Le­bens. Ne­ben allen Schwei­zer Lan­des­spra­chen be­gann sie vor ei­ni­gen Jah­ren, zu­sät­zlich Est­nisch zu ler­nen – zur Ab­wechs­lung eine ganz an­dere Sprach­fa­mi­lie. Ak­tuell steht zu­dem Ara­bisch weit oben auf der Lis­te der Spra­chen, die sie als Näch­stes an­ge­hen möchte.

Inter­disziplinärer geht es kaum

Auch sonst möchte Serai­na Bet­schart mög­lichst viel über Spra­chen ler­nen: Wie kam der Mensch zur Spra­che? Wie un­ter­schei­den sich tie­ri­sche und mensch­li­che Spra­chen? Und wie wer­den wir wohl in Zei­ten von Digi­ta­li­sie­rung und Künst­li­cher In­tel­li­genz in Zu­kunft mit­ein­an­der und mit Ma­schinen re­den? Ge­nau diese Fra­gen ste­hen im Zen­trum des Mas­ter-Stu­dien­pro­gramms «Evo­lu­tio­näre Sprach­wis­sen­schaft», welches an der UZH seit dem Herbst­se­mes­ter 2025 neu an­ge­bo­ten wird. Das zwei­jäh­rige Stu­dien­an­ge­bot ist als Mono­mas­ter ohne Ne­ben­fächer kon­zi­piert. An­ge­sie­delt ist das Pro­gramm am In­sti­tut für in­ter­dis­zi­pli­näre Sprach­evo­lu­tions­wis­sen­schaft der UZH.

Das Wort «inter­dis­zi­pli­när» trifft dabei den Kern der Sache. So breit die Fra­ge­stel­lun­gen des Stu­dien­gangs sind, so breit ist er auch fach­lich auf­ge­stellt. Die lin­guis­ti­sche For­schung am In­sti­tut fin­det schon seit Jah­ren in enger Zu­sam­men­ar­beit mit Bio­lo­gin­nen und Bio­lo­gen der UZH statt. Da­bei wird etwa ge­mein­sam er­forscht: In­wie­fern ent­wi­ckeln sich die Spra­chen der Welt pa­ral­lel zur Ge­ne­tik des Menschen?

«Inter­diszipli­näre Breite, wie sie wahr­scheinlich sonst welt­weit kaum an einer Uni­versität zu finden ist»

Paul Widmer

Direktor des Studienprogramms

«Mit dem neuen Mas­ter heben wir die Ko­ope­ra­tion mit an­de­ren Fach­rich­tun­gen noch­mals auf ein ganz an­de­res Ni­veau – und das auch in der Leh­re», sagt Paul Wid­mer, Pro­gramm­di­rek­tor des Stu­dien­gangs. Neun Fach­rich­tun­gen der UZH sind da­rin ein­ge­bun­den, von der Phi­lo­so­phie über die Ma­the­ma­tik und In­for­ma­tik bis zur Hirn­for­schung. «Es ist ein Stu­dien­gang mit einer inter­dis­zi­pli­nä­ren Brei­te, wie sie wahr­schein­lich sonst welt­weit kaum an einer Uni­ver­si­tät zu fin­den ist», sagt Widmer.

Von der Breite in die Tiefe

Viel­fältig ist auch der Hin­ter­grund der Stu­die­ren­den. Es ist im ers­ten Durch­gang eine klei­ne Grup­pe von neun Stu­die­ren­den. Ihre Mut­ter­spra­chen sind Deutsch, Chi­ne­sisch, Hin­di und Eng­lisch. Zu­dem brin­gen die Stu­die­ren­den ver­schie­de­ne fach­li­che Ba­che­lor-Stu­dien­hin­ter­grün­de mit. Ei­ni­ge ha­ben Lin­guis­tik stu­diert, an­dere Psy­cho­lo­gie, Ge­schich­te oder eben Com­pu­ter­lin­guis­tik wie Se­rai­na Betschart.

Für sie war die fach­li­che Viel­falt der aus­schlag­ge­ben­de Grund, sich für den Mas­ter zu ent­schei­den: «Ich möch­te meine lin­guis­ti­sche und com­pu­ter­orien­tier­te Pers­pek­ti­ve aus dem Ba­che­lor um die na­tur­wis­sen­schaft­li­che Sicht­wei­se er­gän­zen.» Es sei ein­drück­lich, wie sich die Fra­ge­stel­lun­gen und Me­tho­den da­bei im­mer wie­der ge­gen­sei­tig be­rei­cher­ten. So be­rich­tete ein Ver­hal­tens­for­scher im Un­ter­richt da­von, wie er ver­sucht, die Sprach­fä­hig­keit der Bo­no­bo-Pri­ma­ten per Ma­chine Lear­ning zu ent­schlüsseln.

Das Puzzle zusammen­setzen

Dozie­rende wie Stu­die­ren­de be­tre­ten mit dem Lehr­gang Neu­land. «In je­der Lehr­ver­an­stal­tung gilt es, her­aus­zu­fin­den und auch zu er­fra­gen, wel­che Kennt­nis­se die Stu­die­ren­den be­reits mit­brin­gen», sagt Piera Filip­pi, wis­sen­schaft­li­che Ko­or­di­na­to­rin des Stu­dien­gangs. Je nach Fra­ge­stel­lung und fach­li­chem Hin­ter­grund wis­sen die Stu­die­ren­den über ei­nen As­pekt so­gar mehr als die Do­zie­ren­den. «Der ge­gen­sei­tige Aus­tausch ist zen­tral, des­halb müs­sen sich alle b­emü­hen, ver­ständ­lich zu kom­mu­ni­zie­ren», so Filippi. Ein ge­mein­sa­mes Ver­ständ­nis der Be­grif­fe, Me­tho­den und Ziele über alle be­tei­lig­ten Dis­zi­pli­nen zu schaf­fen, kann har­te Ar­beit sein.

«Klare Schwer­punkte im Studium legen»

Piera Filippi

Wissenschaftliche Koordinatorin des Studienprogramms

Eine wei­tere Her­aus­for­de­rung des neu­ar­ti­gen An­ge­bo­tes ist es, eine Ba­lance zu fin­den zwi­schen der Brei­te der Fach­rich­tun­gen und der nö­ti­gen Ver­tie­fung. «Die Teil­neh­men­den sol­len beim Ab­schluss nicht we­nig von al­lem wis­sen, son­dern klare Schwer­punk­te im Stu­dium le­gen», sagt Filippi. So sind sie auf­ge­for­dert, zwei fach­li­che Schwer­punkte zu set­zen und die­se in der Mas­ter­ar­beit zu kom­bi­nie­ren.

Wel­che Ak­zen­te dies für sie sein wer­den, weiss Bet­schart in ihrem ers­ten Mas­ter-Semes­ter noch nicht. Mit ihren Vor­kennt­nis­sen in In­for­ma­tik und Ma­the­ma­tik kann sie sich aber eine be­stimm­te Rich­tung vor­stel­len: Spra­chen und ihre his­to­ri­sche Ent­wick­lung mit­hil­fe von Da­ten­ana­ly­sen ver­glei­chen. Erst ein­mal heisst es für sie aber noch: sich einen Über­blick ver­schaf­fen über die Fül­le der Fra­ge­stel­lun­gen, Fach­rich­tun­gen und For­schungs­an­sät­ze. «Die Her­aus­for­de­rung ist es, die ein­zel­nen Tei­le zu ei­nem Ge­samt­bild zu for­men – wie bei ei­nem Puzzle», sagt Betschart.

Enge Begleitung

Da­bei wer­den die Stu­die­ren­den nicht al­lein ge­las­sen. «Weil das Stu­dium neu und aus­ser­ge­wöhn­lich ist, ist die Be­treu­ung der Stu­die­ren­den um­so in­ten­si­ver», sagt Ko­or­di­na­to­rin Filippi. In Ein­zel­ge­sprä­chen wer­den die Stu­die­ren­den da­bei un­ter­stützt, für sie pas­sen­de Kurs­mo­du­le und spät­er eine Fra­ge­stel­lung für die Mas­ter­ar­beit zu finden.

Gut ein­ge­bun­den sind die Stu­die­ren­den auch in die For­schung. Da­bei hilft, dass am In­sti­tut für in­ter­dis­zi­pli­nä­re Sprach­evo­lu­tions­wis­sen­schaft der na­tio­na­le For­schungs­schwer­punkt «Evol­ving Lan­guage» an­ge­sie­delt ist. Dies er­laubt es, die Stu­die­ren­den schon früh in die in­ter­dis­zi­pli­nä­ren For­schungs­pro­jek­te ein­zu­beziehen.

Im Master-Studien­pro­gramm «Evolutio­näre Sprach­wissen­schaft» geht es auch um Tier­kommu­nikation. Seraina Bet­schart zeichnet Laute von Erd­männchen auf, einer besonders kommu­ni­ka­tiven Tier­art.

Welchen Weg will sie nach dem Stu­dien­ab­schluss ein­schla­gen? Seraina Bet­schart weiss es noch nicht. Sie hofft, auch in der spä­te­ren Be­rufs­tä­tig­keit in­ter­dis­zi­pli­när ar­bei­ten zu kön­nen. Um­ge­kehrt sagt Pro­gramm­di­rek­tor Paul Wid­mer: «Der Ar­beits­markt muss den neuen Stu­dien­gang und die ein­zig­ar­ti­gen Kom­pe­ten­zen der Stu­die­ren­den erst noch ken­nen­ler­nen.» Mög­lich ist vieles. Die Band­breite reicht von sprach­his­to­ri­scher For­schung bis zur kli­ni­schen Be­hand­lung von Sprach­störungen.

School for Trans­dis­ci­pli­nary Studies

Als Voll­uni­ver­si­tät mit dem brei­tes­ten und viel­fäl­tig­sten Stu­dien­an­ge­bot der Schweiz hat die UZH beste Vor­aus­set­zun­gen, um in­ter­dis­zi­pli­näre Bil­dungs­wege zu er­mög­li­chen. Die UZH nutzt die­ses Po­ten­zial seit ei­ni­gen Jah­ren ver­stärkt. Sie för­dert ge­zielt Lehr­an­ge­bo­te, die es den Stu­die­ren­den er­mög­li­chen, von der Viel­falt der Dis­zi­pli­nen zu pro­fi­tie­ren. Eine wich­tige Rolle spielt da­bei die schweiz­weit ein­zig­ar­ti­ge School for Trans­dis­ci­pli­nary Stu­dies (STS), die 2021 an der UZH ge­grün­det wur­de.

Die STS bietet ein Kurs­pro­gramm zu über­fach­li­chen Kom­pe­ten­zen, das Stu­die­ren­den aller Fa­kul­tä­ten of­fen­steht, und ent­wi­ckelt in en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit den Fa­kul­tä­ten ein in­ter- und trans­dis­zi­pli­nä­res Kern­an­ge­bot mit rich­tungs­wei­sen­den Mo­du­len, die oft ei­nem pro­jekt- oder pro­blem­lö­sungs­orien­tier­ten Lern­an­satz fol­gen: Stu­die­ren­de be­ar­bei­ten un­ter An­lei­tung in­ter­dis­zi­pli­nä­rer Teams von Do­zie­ren­den ak­tuel­le und pra­xis­nahe Fra­ge­stel­lun­gen. Da­bei er­fah­ren sie un­mit­tel­bar, wie be­rei­chernd und zu­gleich an­spruchs­voll Zu­sam­men­ar­beit über Fach­gren­zen hin­weg sein kann. Sie ler­nen, un­ter­schied­li­che Pers­pek­ti­ven zu­sam­men­zu­füh­ren, pro­duk­tiv mit Rei­bun­gen um­zu­ge­hen und ge­mein­sam trag­fä­hi­ge Lö­sun­gen zu ent­wickeln.

Die School for Trans­dis­ci­pli­na­ry Stu­dies feierte am 29. Okto­ber 2025 ihren 5. Geburts­tag im Rah­men des Tags der Lehre.

School for Trans­disciplinary Studies

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