Storys aus Studium und Lehre
Komplexe Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysieren und gemeinsam Lösungen finden: Entdecken Sie, wie Studierende und Dozierende in neuartigen Lehrangeboten Brücken zwischen unterschiedlichen Disziplinen schlagen.

Was ist ein gutes Leben? Was heisst es, Mensch zu sein? Ein neuartiges interdisziplinäres Lehrangebot nimmt die antike Tradition wieder auf, an der Universität über die grossen Fragen des Daseins zu philosophieren.
Es mag von aussen wie eine Stadtführung ausgesehen haben: In Gruppen von je rund zehn Personen besuchten Studierende und Dozierende der UZH bekannte Sehenswürdigkeiten in Zürich – das Grossmünster, den Lindenhof und das Fraumünster. Allerdings: Da gab es keine Führerin, die über die Geschichte der Stadt erzählte und alle anderen hörten zu. Sondern auf dem Spaziergang fanden zwischen allen Teilnehmenden angeregte Gespräche statt. Deren Inhalt drehte sich um ganz spezifische Fragen. Im Grossmünster etwa: Kann mir der Rückzug in die Stille helfen, zu klären, was ein gutes Leben ausmacht?
Auf dem Lindenhof war die rund 40-köpfige Gemeinschaft aufgefordert, sich Gedanken zu machen: Wie prägt das Bewusstsein, Teil einer langen Geschichte der Menschheit zu sein, mein Leben – ist es eher Trost oder Last?

«Wir wollen den Ursprung der universitären Idee in der Antike wiederaufnehmen.»
Professor für Praktische Theologie
Es waren ungewohnte Fragen, welche sich die Teilnehmenden des Lehrmoduls «Life worth living» stellten. Neu sind die Fragen allerdings nicht. Die im Herbstsemester 2025 erstmals von der School for Transdisciplinary Studies (STS) an der UZH angebotene Lehrveranstaltung nahm Bezug auf die Vergangenheit: «Wir wollen den Ursprung der universitären Idee in der Antike wiederaufnehmen», sagt Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der UZH und Initiant der Veranstaltung.

Die Studierenden widmen sich auf Spaziergängen den Grundfragen des Lebens – wie hier auf dem Lindenhof.
Schon antike Denker wie Platon und Sokrates widmeten sich auf Spaziergängen mit ihren Schülern und Schülerinnen den Grundfragen des Lebens. «Sie hatten die Vision, die Menschen im Dialog gemeinsam ergründen zu lassen, was im Leben wichtig ist.» Als Gründerväter der Idee der Universität sahen sie diese immer als zweierlei: «Als Ort für wissenschaftliches Denken, aber auch als Ort der Begegnung und des gemeinsamen Philosophierens», sagt Kunz.
Er ist überzeugt: «Es ist nicht nur Privatsache, sich mit den grossen Fragen des Lebens zu beschäftigen.» Wer an die Universität gehe, bringe diese als Mensch immer auch mit ins Studium. «Sich an einer Hochschule damit beschäftigen zu können, ist eine persönliche Bereicherung, aber auch wertvoll für das Studium jeglicher Fachrichtungen», sagt Kunz. Denn die Kompetenzen, die man dabei erwerben könne, seien breit: Reflexionsfähigkeit, seine Gedanken präzis ausdrücken, Dialogfähigkeit und Urteilkraft. Vor allem aber gehe es auch darum, sich in die Perspektiven anderer versetzen zu können.

Studierende üben sich in Reflexionsfähigkeit, Dialogfähigkeit und Urteilskraft.
Inspiriert ist das neuartige Modul durch die gleichnamige Lehrveranstaltung «Life worth living», die der Theologe Miroslav Volf seit 2014 an der Yale Universität in den USA anbietet. Die Idee hat inzwischen an verschiedenen Hochschulen weltweit Verbreitung gefunden. Ralph Kunz bietet das Modul gemeinsam mit vier UZH-Dozierenden aus Psychologie, Rechtswissenschaft, Religionswissenschaft und Philosophie an.
Die Grundstruktur der Veranstaltung ist dabei dieselbe wie in Yale. Die zweiwöchentlichen Treffen widmen sich jeweils einer zentralen Frage: Wer sind wir als Menschen? Was ist ein gutes Leben? Wofür trage ich Verantwortung? Wie können wir Leiden und Tod begegnen? Zur Vorbereitung dient jeweils die Lektüre von Texten, die sich aus verschiedenen Denk- und Glaubenstraditionen sowie wissenschaftlichen Fachrichtungen zu diesen Fragen äussern. Der anschliessende Input der Dozierenden geschieht meist im Co-Teaching. Geht es etwa um die Themen Schuld und Vergebung, können sich so die Sichtweisen von Rechtswissenschaft, Theologe und Psychologie ergänzen.
«Ich spreche mit meinen Mitstudierenden und in meinem Freundeskreis selten über solch grundlegende Fragen des Lebens», sagt Nina Brander. Sie studiert Veterinärmedizin im ersten Semester und empfindet die Veranstaltung als grosse Bereicherung. So sei es für sie neu, sich mit philosophischen Texten zu beschäftigen: «Aber es ist eine tolle Erfahrung, ich fühle mich inzwischen bereits vertrauter damit.» Dabei helfe, dass der interdisziplinäre Dialog sehr respektvoll stattfinde. «Die Teilnehmenden kommen aus den unterschiedlichsten Studienrichtungen und sind dabei verschieden weit fortgeschritten. Aber alle versuchen, sich verständlich auszudrücken. Und wir hören uns zu und nehmen andere Meinungen ernst», sagt Brander.

«Wir hören uns zu und nehmen andere Meinungen ernst.»
Bachelor-Studentin Veterinärmedizin
«Beeindruckend war für mich etwa der Text eines Astrophysikers mit seinem Blick auf die Menschheit oder die Sicht der indigenen Kulturen Amerikas auf das Nebeneinander von Pflanzen, Tieren und Menschen», sagt Brander. Klar ist für sie: Wichtiger als die Antworten sind die Fragen, die in diesem Modul aufgeworfen werden. Diese begleiten sie auch im Alltag.
So sei ihr ihre naturwissenschaftliche Prägung bewusster geworden – und habe sich erweitert: «Ich sehe Dinge neu dank den Gesprächen im Modul.» Wenn sie etwa einen Baum im Wald zuvor primär als Lebensraum für Tiere interessiert habe, denke sie jetzt beim Anblick von Bäumen auch über Themen wie Wachstum und Verwurzelung nach.
Im Hinblick auf ihr Studium ist die angehende Tierärztin dankbar, sich im Modul etwa mit Fragen nach der Verantwortung für das Leben beschäftigen zu können: «Es hilft, darauf vorbereitet zu sein, bevor der Moment kommt, wo ich das erste Mal werde entscheiden müssen, ob es besser ist, ein krankes Tier einzuschläfern».
Inspiriert hat sie auch der Aspekt der Selbstfürsorge im Zusammenhang mit der Frage nach dem guten Leben. «Es ist bekannt, dass Studierende und Berufstätige in Human- und Veterinärmedizin überdurchschnittlich oft an psychischen Problemen leiden. Für mich ist klar, dass es neben dem intensiven Beruf noch Platz für andere Interessen und genügend Erholung geben muss. Die Veranstaltung hat mich darin bestärkt, dies ernst zu nehmen», sagt Brander.

Gemeinsam zu kochen und zu essen hilft, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu ganz persönlichen Fragen des Lebens auszutauschen.
Unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben aus Wissenschaft, Religion und von Mitstudierenden kennenlernen: Dazu darf eine Veranstaltung auch mal anders gestaltet sein als ein herkömmliches Seminar. Bei «Life worth living» gehört dazu neben der Du-Kultur zwischen Studierenden und Dozierenden vor allem ein zweitägiger Blockkurs. Dabei spazieren die Teilnehmenden nicht nur gemeinsam durch Zürich, sondern kochen und essen auch gemeinsam. «Auch das hilft, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu ganz persönlichen Fragen des Lebens auszutauschen», sagt Ralph Kunz.
An der Schlussveranstaltung des Moduls werden sich die Teilnehmenden online mit dem Yale-Theologen Miroslav Volf unterhalten können. Nina Brander freut sich darauf. «Wir kriechen aus der Ecke unseres eigenen Faches, sprechen über ungewohnte Themen und lernen andere Sichtweisen kennen.»
Genau dies hatte sie sich von der Veranstaltung erhofft. Und sie ist nicht allein damit. Das Modul war schnell ausgebucht. Es wird im Herbstsemester 2026 erneut durchgeführt.

Wer unternehmerisch tätig sein will, muss über die Fachgrenzen hinaus zusammenarbeiten und Lösungen entwickeln. Das kann man lernen. Mehr als 150 Studierende haben schon an einem «Entrepreneurship Bootcamp» der UZH teilgenommen.
Rund 20 Studierende sitzen in einem Kreis. Der Reihe nach stellt jede Person ihre Idee für ein Projekt oder Start-up vor: Welches Problem will ich damit lösen? Und wie gehe ich das an? Anschliessend bilden die Teilnehmenden Kleingruppen, um die erfolgversprechendsten Ideen weiter zu verfolgen.
Gregor von Rohr, Student der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre, ist einer von ihnen. Er ist fasziniert von der Idee einer Medizinstudentin: Ihr schwebt eine Webplattform vor, die es einfacher macht, schweizweit Teilnehmende für klinische Studien zu finden. Die Gruppe kommt zustande und macht sich an die Arbeit: Die Idee ausarbeiten, technische Hindernisse identifizieren, mögliche Kooperationspartner diskutieren, über die Finanzierung brüten.
Der Ort des Geschehens: das «Entrepreneurship Bootcamp», eine Lehrveranstaltung des UZH Innovation Hubs. Bevor die Studierenden sich zu konkreten Projektgruppen formieren, eignen sie sich im Rahmen des Kurses grundlegendes Wissen zu Innovation und Unternehmertum an. Dazu ist die Veranstaltung inter- und transdisziplinär gestaltet, setzt also sowohl fachübergreifende als auch ausserakademische Bezugspunkte. Dozierende der UZH aus den Fächern Psychologie, Pädagogik und Ökonomie sind ebenso beteiligt wie Praktikerinnen und Praktiker aus der Unternehmenswelt.
Die Bootcamps wollen die Studierenden für die Welt von Innovation und Unternehmertum motivieren. Dazu sollen die Teilnehmenden auch gleich entsprechende Kompetenzen erwerben und praktisch anwenden können.
Gregor von Rohr ist das Unternehmertum nicht völlig fremd. Schon in der Kantonsschule gründete er mit Mitschülerinnen und Mitschülern ein kleines Unternehmen. Als er im Herbst 2024 mit dem Studium an der UZH begann, war für den vielseitig interessierten 21-Jährigen klar, dass er seine Kompetenzen im Bereich Innovation und Unternehmertum vertiefen will. Das «Entrepreneurship Bootcamp» kam da wie gerufen.
Was ihn besonders interessierte war die Frage: Wie kommuniziere ich in einem interdisziplinär zusammengesetzten Team? Wie kann ich eine Information so vermitteln, dass sie bei den Zuhörenden auch hängenbleibt? Im Bootcamp erfuhr er viel darüber, wie man sich über die Fachgrenzen hinweg verständigt, wie man konstruktive Feedbacks gibt und wie kreative und produktive Teams entstehen.

«Das Bootcamp brachte Menschen mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund zusammen, die sonst kaum zusammenfinden würden.»
Student der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre
«Das Bootcamp brachte Menschen mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund zusammen, die sonst kaum zusammenfinden würden», sagt von Rohr. Es ermöglichte ihm, aus den gewohnten Denkmustern und Prägungen auszubrechen. Dabei half ihm, dass die Studierenden untereinander nicht in Konkurrenz standen. «Wir waren wie eine junge Familie, alle zogen am selben Strang», sagt von Rohr. «Ein Start-up ist zu Beginn wie ein hilfsbedürftiges Baby, dem man auf die Beine helfen will. Das geht nur gemeinsam.»
Ob das Baby «Start-up» im Rahmen des Bootcamps tatsächlich das Licht der Welt erblickt, ist sekundär. Das Bootcamp ist primär Übungsfeld. Wenn Studierende die Gründung eines Unternehmens realitätsnah durchspielen, können sie dabei wertvolle Kompetenzen erwerben – zum Beispiel, sich in fachlich gemischten Teams zielführend zu organisieren.
«Wir wollen unsere Absolvierenden befähigen, über die Fachgrenzen hinweg innovativ und unternehmerisch zu denken und handeln», sagt Maria Olivares, Leiterin Innovation an der UZH. «Denn egal ob als Unternehmerin oder Arbeitnehmer: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit an Projekten und Innovationen wird die Realität der Arbeitswelt von morgen sein.»
Dabei seien vor allem Kompetenzen wichtig, die man in heterogen zusammengesetzten Teams erwirbt: offen sein, reflektieren, Probleme identifizieren und gemeinsam Lösungen erarbeiten. Denn: «Spannende und erfolgreiche Innovationen entstehen meistens dort, wo Personen mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen ihre Perspektiven zusammenbringen und gemeinsam an neuen Ideen arbeiten», so Olivares. Deshalb sind die Bootcamps inter- und transdisziplinär konzipiert.
Mehr als 150 Studierende der UZH haben seit 2019 am «Entrepreneur Bootcamp» der UZH teilgenommen. In Zukunft wird dieses Format auch in einer weiterentwickelten Form angeboten. Um inter- und transdisziplinäre Lehre weiter zu fördern, wird die UZH ab Herbst 2026 auf Initiative der Prorektorin Forschung Elisabeth Stark zusätzlich ein dreisemestriges Minor-Studienprogramm in «Innovation & Entrepreneurship» anbieten. «Dieses Vorhaben ist ein strategisch wichtiger Schritt, um die Vermittlung von Innovation und Entrepreneurship voranzutreiben und frühzeitig in der akademischen Ausbildung zu verankern – es ist ein zukunftsweisender Impuls für die Universität Zürich», sagt die Prorektorin. Es soll nicht nur die interdisziplinäre Ausbildung stärken, sondern auch ein fruchtbares Umfeld zur Förderung unternehmerischer Talente schaffen.
Das Minor-Programm richtet sich als eigenständiges Nebenfach an Studierende, die noch tiefer ins Thema eintauchen und ein breiteres methodisches Wissen dazu erwerben wollen. Die bisherigen Bootcamp-Module werden weiterentwickelt und in neuer Form in das Minorprogramm integriert. Sie können aber auch weiterhin als einzelne Module von Studierenden gewählt werden, die dem Thema Innovation nicht ein ganzes Nebenfach widmen wollen.

Über die Fachgrenzen hinweg offen und lernbegierig: Gregor von Rohr (links) im Austausch mit Unternehmer und Start-up-Berater Jan Fülscher.
Was die beiden Angebote gemeinsam haben: «Wir wollen damit wie schon bei den Bootcamps Studierende aller Fachrichtungen ansprechen», sagt Jan Fülscher. Der Unternehmer und Start-up-Berater unterstützt das Team von Maria Olivares dabei, künftige, unternehmerisch ausgerichtete Lehrangebote zu konzipieren. Im Vergleich zu anderen Institutionen, die häufig einseitig auf Hightech fokussieren, spricht die UZH in ihren Innovations-Kursen Studierende aller Fachrichtungen an, sagt Jan Fülscher: «Innovation ist in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen relevant. Die innovative Juristin braucht es ebenso wie den innovativen Biologen.»
Über die Fachgrenzen hinweg offen und lernbegierig sein: Diesem Grundsatz will auch Gregor von Rohr treu bleiben. Sein nächster Schritt führt ihn in ein Austauschjahr in den USA. Wenn er danach an die UZH zurückkehrt, wird er sich weiterhin nach inter- und transdisziplinären Lehrangeboten umschauen, um sich das Rüstzeug für eine selbstbestimmte Zukunft zu beschaffen. Denn für ihn ist klar: Das Leben ist nicht als gerade Linie vorgezeichnet und hält viele Möglichkeiten und Überraschungen bereit. Darauf will er sich vorbereiten.

In einem Seminar des UZH-Zentrums für Krisenkompetenz suchen Studierende fachübergreifend nach konkreten Lösungen für urbane Konflikte. Zum Beispiel in der Zürcher Bäckeranlage.
Es ist eine Oase inmitten der Stadt Zürich: die Bäckeranlage. Riesige Bäume, Grünfläche, ein Wasserbecken für die Kinder und ein Restaurant. Der Park ist beliebt bei alt und jung. Auch Obdachlose und die Drogenszene nutzen ihn seit den 1970er-Jahren immer wieder als Treffpunkt. Dabei kommt es auch zu Konflikten zwischen den Nutzergruppen – und von politischer Seite zur Forderung nach einem harten Durchgreifen gegen die Szene. Die Frage taucht deshalb immer wieder auf: Wie lässt sich der Raum friedlich nutzen?
Diese Frage ist nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlich interessant, findet Chiara Diener. Die Doktorandin der Germanistik beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Interaktion von Menschen in sozialen Räumen – allerdings mit dem Fokus auf theoretische Aspekte. Ergänzend zu ihrer Dissertation besuchte sie ein Modul an der UZH, in welchem sie das Thema anhand eines konkreten gesellschaftlichen Brennpunkts betrachten konnte. Ihre Frage: Trägt die räumliche Gestaltung der Bäckeranlage mit dazu bei, dass es zu Konflikten kommt?
Das Modul nennt sich «Die Krise und die Stadt: Urbane Herausforderungen und Krisenkompetenz im urbanen Raum Zürich» und wird vom Zentrum für Krisenkompetenz der Universität Zürich angeboten. Die Veranstaltung setzt den Rahmen: In interdisziplinären Zweierteams bearbeiten die Teilnehmenden Themen, die in der Stadt Zürich zu Konflikten und Krisen geführt haben oder führen. Dabei ging es neben Konflikten im sozialen Raum etwa um die Pandemie und den Klimawandel.
Chiara Diener und ein Student der Religionswissenschaft fanden sich über ihr gemeinsames Interesse an einer bestimmten wissenschaftlichen Methode, um Räume zu analysieren. Der Student hatte die Methode bereits angewandt, Diener war interessiert, dies ebenfalls zu tun. So erkundeten sie gemeinsam die Bäckeranlage, ausgerüstet mit methodischen Texten, Kamera und offenen Augen und Ohren.
In der gemeinsamen Seminararbeit brachte Diener vor allem soziologische Theorien zum Stadtraum mit ein, der Religionswissenschaftler betonte unter anderem den historischen Blick auf den Park. Gemeinsam kamen sie zum Fazit: Ja. Die Anlage wäre gross genug, damit sich verschiedene Nutzergruppen darin in Koexistenz aufhalten können. Allerdings sind die entsprechenden Teile des Raumes zu wenig voneinander abgetrennt – was sich durch bauliche Massnahmen ändern liesse.

«Mir wurde klar, warum sich gewisse Massnahmen zum Klimaschutz nicht so einfach realisieren lassen. Es braucht eine rechtliche Grundlage und einen politischen Prozess.»
Germanistik-Doktorandin
Für Diener war die Erfahrung in verschiedener Hinsicht wertvoll. Einerseits konnte sie eine neue Methode anwenden. Andererseits war die Zusammenarbeit vor allem eine Übung in Offenheit: «Das braucht es, um eine Arbeit nicht wie sonst üblich allein zu schreiben. Und da entsteht erst recht ein anderes Resultat, wenn das mit einer Person geschieht, die nicht dieselbe fachliche Brille trägt wie ich und andere Perspektiven einbringt.»
Die eigene Perspektive erweitern, unterschiedliche fachliche Blickwinkel kombinieren und dabei eine konkrete gesellschaftliche Herausforderung analysieren: Das Modul zu urbanen Herausforderungen und Krisen fördert genau diese Fähigkeiten. Im Herbst 2024 wurde es vom Zentrum für Krisenkompetenz der UZH erstmals angeboten. Die Veranstaltung für Masterstudierende und Doktorierende ist nicht nur inter- sondern auch transdisziplinär angelegt. Neben verschiedenen Fachrichtungen wollte man also auch Praxispartner von ausserhalb der Universität einbeziehen.
In der Pandemie hatte sich gezeigt, dass die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht immer optimal funktioniert. So entstand die Idee einer Kooperation zwischen Universität und Stadt Zürich. Im Rahmen des dreijährigen Projekts organisiert die UZH auch erstmals ein Lehrangebot in Zusammenarbeit mit der Stadt Zürich.
Inhaltlich geht es im Kurs um die Fragen: Mit welchen Konflikten und Krisen ist die Stadt Zürich konfrontiert? Wie kann sie sich für zukünftige Krisen wappnen? Das Modul ist dabei in Themenblöcke aufgeteilt, die sich jeweils einer städtischen Herausforderung widmen.
Zur Vorbereitung lesen die Studierenden Texte aus verschiedenen Disziplinen zum entsprechenden Thema. In der Lehrveranstaltung findet dann ein Co-Teaching statt: Fachpersonen der Universität und aus der Stadtverwaltung bringen ihr Wissen und ihre Sichtweise ein. Zusätzlich besuchen die Teilnehmenden gemeinsam Orte, die für Herausforderungen der Stadt Zürich stehen – wie etwa die Bäckeranlage oder eine Unterkunft für Flüchtlinge.
30 Studierende aus fünf Fakultäten haben an der ersten Durchführung des Moduls teilgenommen. Sie nutzten die Chance für den ungewohnten fachübergreifenden Austausch. Chiara Diener interessierte sich zum Beispiel für die Fragen: Was sagt die Politikwissenschaft dazu, wie Notrecht in einer Krise legitimiert sein muss? Und was weiss die Soziologie darüber, wie man Massnahmen gegen den Klimawandel sozialverträglich gestaltet? «Diese gebündelte, vielfältige Kompetenz zu erleben, war eindrücklich», sagt die Germanistin.
Ein Augenöffner war für sie auch der Einbezug von Vertreterinnen und Vertretern der Stadt Zürich. Der Einblick in die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen und Zwänge einer Stadtverwaltung war eindrücklich: «Mir wurde klar, warum sich etwa gewisse Massnahmen zum Klimaschutz nicht so einfach realisieren lassen wie man sich das von aussen vorstellt. Alles braucht eine rechtliche Grundlage und durchläuft einen politischen Prozess.»
«Genau darum lohnt sich der transdisziplinäre Ansatz», sagt Eveline Odermatt. Die Sozialwissenschaftlerin am Zentrum für Krisenkompetenz hat das Modul mitkonzipiert, koordiniert und als Dozentin mitgeleitet: «Wenn wir die Perspektiven der verschiedenen Fachrichtungen und der Praxis kombinieren, finden wir bessere Lösungen. Das gilt insbesondere in einer Welt, in der die Herausforderungen immer komplexer und globaler werden.»

Die Perspektive verändern: Markus Meile, Eveline Odermatt und Germanistik-Doktorandin Chiara Diener auf dem Dach des Pavillons in der Bäckeranlage.
Aber nicht nur die Lösungen sind besser, auch der Lerneffekt ist grösser. Sobald andere Fachbereiche oder Akteure von ausserhalb der Universität involviert sind, müsse man als Forscherin und Forscher die eigene Rolle umso mehr reflektieren. Was verstehe ich überhaupt unter Krise und Krisenresilienz? Von welchen Werten gehe ich in der Diskussion aus? «Dies muss in der Zusammenarbeit transparent werden», sagt Odermatt.
Sich in eine andere Person hineinzuversetzen, ist dabei die grösste Herausforderung, so die Erfahrung von Germanistin Chiara Diener: «Es braucht viel Zeit, die eigene Sichtweise zu verlassen und die unterschiedlichen Perspektiven auszutauschen – da konnte dieses einsemestrige Modul nur ein Anfang sein.»
Für eine Fortsetzung in der Zusammenarbeit zwischen Universität und Zürich ist Markus Meile offen. Der Stabschef der Krisenführungsorganisation der Stadt Zürich sagt: «Wir waren sofort begeistert von der Anfrage seitens UZH für eine gemeinsame Veranstaltung.» Für ihn hat sich die Teilnahme am noch laufenden Projekt schon jetzt gelohnt. Dabei denkt er an die Diskussionen wie auch die Seminararbeiten, welche die Studierenden zu Themen wie Hitzeminderung, Wohnungskrise oder Konflikte im sozialen Raum verfasst haben: «Sie enthalten Erkenntnisse und neue Gedanken, die unsere Sicht auf die Stadt bereichern.»
Im Frühling 2026 wird das Modul zu urbanen Herausforderungen und Krisenkompetenz ein zweites Mal angeboten. «Die Idee ist ausbaufähig», ist Eveline Odermatt überzeugt – über die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung hinaus etwa zu gesellschaftlichen Organisationen und der Bevölkerung. So könnte das Modul zu einem Vorbild werden für eine neue Art der Lehre, welche die Perspektiven aller Beteiligten bereichert.

Studierende der UZH unterstützen Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien – und lernen dabei eine Menge. Möglich macht dies das interdisziplinäre Modul «Mentoring für die nächste Generation».
Für Andri Brühwiler war es ein Eintauchen in eine andere Kultur: Ein Jahr lang traf sich der Wirtschaftsstudent wöchentlich mit einem neunjährigen Primarschüler, dessen Eltern als syrische Kurden in die Schweiz geflüchtet waren, und half ihm bei schulischen Herausforderungen. Einfühlungsvermögen war gefragt: Welche Bedürfnisse hat der Junge? Was bereitet ihm Schwierigkeiten? Und vor allem: Was erwartet er von mir, wie kann ich ihn unterstützen?
Die Lernkurve war steil: Als Erstes realisierte Andri Brühwiler, dass dem Jungen zuhause ein Arbeitsplatz für die Hausaufgaben fehlt. Gemeinsam richteten sie einen ein. Schritt für Schritt gelang es dem Studenten, das Vertrauen des Schülers zu gewinnen, sodass dieser ihm von seinen Schwächen erzählte: Er hatte Mühe mit der deutschen Sprache, war etwas chaotisch und es fehlte ihm an Durchhaltewillen beim Lernen.

«Als Mentor brauchte ich Fähigkeiten, die bisher im Studium nicht gefragt waren.»
Wirtschaftsstudent
Brühwiler brachte seinen gesamten Erfahrungsschatz ein: Seine eigenen Lernerfahrungen ebenso wie das an der Universität Gelernte. Denn die Erfahrung mit den Kindern ist für die Studentinnen und Studenten zwar ein Sprung ins kalte Wasser – allerdings mit Auffangnetz. Das Mentoring ist eingebettet in eine Lehrveranstaltung an der Universität Zürich: Das Modul «Mentoring für die nächste Generation» wird an der UZH seit 2023 angeboten.
Dozierende aus den Fächern Pädagogik, Psychologie und Ökonomie bereiten die angehenden Mentorinnen und Mentoren auf ihre Aufgabe vor. In den einführenden Veranstaltungen vermitteln diese interdisziplinär ihr Wissen: Was brauchen Kinder, um glücklich zu sein? Was macht es aus, dass ein Mentoring wirksam ist? Zentral ist dabei immer die Kernbotschaft: Unser Gehirn ist plastisch. Was ein Kind heute nicht kann, lernt es vielleicht morgen.
Im Laufe der zwei Semester besuchen die Studierenden zudem mehrere Gruppencoachings und können bei Fragen und Problemen jederzeit ein Einzelcoaching in Anspruch nehmen.
Vor allem aber sollen die Studierenden in der Begegnung mit ihren Mentees neue Kompetenzen erwerben. Denn darum geht es: Mentoring stärkt das Einfühlungsvermögen und Selbstvertrauen ebenso wie die Fähigkeit, Lösungen zu finden in kritischen Situationen.
Auslöser für die Schaffung des Mentoring-Moduls an der UZH war die Asylorganisation Zürich (AOZ). Auch Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen sollen gute Bildungschancen haben, lautet deren Credo. Sie bietet deshalb das Mentoringprogramm «Future Kids» an. Studierende verschiedener Hochschulen nehmen als Mentorinnen und Mentoren für junge Menschen im Kanton Zürich daran teil. Die Nachfrage seitens der Primarschulen ist gross. Deshalb fragte die AOZ die Universität Zürich an, ob sie sich ebenfalls daran beteilige.

«Sozial-emotionale Kompetenzen werden auf dem Arbeitsmarkt auch in Zukunft gefragt sein, da sie nicht durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden können.»
Professor für Ökonomik der Kinder- und Jugendentwicklung
Da zögerte Ulf Zölitz nicht. Der Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre und am Jacobs Center for Productive Youth Development der UZH beschäftigt sich in seiner Forschung mit genau diesen Fragen: Wie kann Kindern geholfen werden, ihr Potenzial auszuschöpfen? Wie lässt sich die Chancengleichheit in der Bildung erhöhen? Zweimal hat Zölitz das «Mentoring für die nächste Generation» bereits angeboten. Jeweils rund 30 Studierende aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen der UZH haben daran teilgenommen – im Herbst 2025 startet die dritte Durchführung.
Es sind vor allem sozial-emotionale Fähigkeiten, welche die teilnehmenden Studierenden dabei stärken können. «Gerade solche Kompetenzen werden auf dem Arbeitsmarkt auch in Zukunft gefragt sein, da sie nicht durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden können», sagt Zölitz: «Es sind Schlüsselkompetenzen, die in jedem Berufsfeld wichtiger werden.» Entsprechend ist die Veranstaltung nicht nur für Studierende interessant, die später im Lehrberuf tätig sein wollen.

Beim Mentoring ist Spontaneität gefordert: Professor Ulf Zölitz (links) und Student Andri Brühwiler.
Andri Brühwiler beschreibt in seinem Reflexionsbericht, wie ihn das Mentoring geprägt hat. «Im Mentoring brauchte ich Fähigkeiten, die bisher im Studium nicht gefragt waren», sagt er. So wurde ihm bewusst, dass Geduld eine seiner grossen Stärken ist. «Gleichzeitig konnte ich sehr gut üben, in Situationen spontan zu reagieren – was mir bisher schwerer fiel», sagt der 27-Jährige. So musste er trotz akribischer Planung eines Treffens manchmal spontan das Programm umstellen – etwa wenn der Schüler vergessen hatte, dass am nächsten Tag eine Prüfung oder ein Vortrag stattfand und Unterstützung dabei benötigte.
Die Mentees selbst wurden aufgefordert, den Studierenden regelmässig zu signalisieren, wie sie unterstützt werden möchten. Zudem tauschten die Studierenden der verschiedensten Fachrichtungen untereinander immer wieder Tipps aus: Wie motivierst du deinen Mentee? Welche Lernstrategien helfen deinem Mentee am besten?
Andri Brühwiler war es eine Freude, zu sehen, wie sein Mentee im Laufe des Jahres sprachlich sicherer und beim Lernen motivierter und organisierter wurde. «Es war eindrücklich, zu erleben, dass ein wöchentlicher Aufwand von zwei Stunden so viel bewirken kann.» Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie ungleich die Bildungschancen verteilt sind: «Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Das können aber nicht alle Eltern, nur schon wegen der sprachlichen Voraussetzungen.»

Im Leben müssen wir ständig Entscheidungen treffen, und nicht immer ist es einfach, zu beurteilen, was ethisch das Richtige ist. An der UZH kann man ethische Kompetenz trainieren.
Theologiestudentin Alina Ring hat einen besonderen Nebenjob. Die 26-Jährige ist Seelsorgerin bei der Schweizer Armee. Wünscht zum Beispiel ein Rekrut ein Gespräch, reist sie nach Chur zur Infanterieschule 12. Dabei kann es um Probleme im Militär, aber auch im Privatleben gehen.
Alina Ring untersteht als Seelsorgerin einer Schweigepflicht. Allerdings: Falls sich im Gespräch zeigt, dass eine Person selbst- oder fremdgefährdet ist, darf sie die Schweigepflicht brechen – sie muss allerdings nicht. «Zum Glück ist diese Situation noch nie eingetreten», sagt Ring: «Denn dann stünde ich vor einem ethischen Dilemma: Soll ich respektieren, dass jemand mir etwas im Vertrauen erzählt? Oder ist prioritär, ein möglicherweise gefährdetes Leben zu schützen?»
Mit solchen ethischen Fragen sieht sich Alina Ring immer wieder konfrontiert, sowohl privat als auch im Studium: Für welche Projekte soll ich Geld spenden? Was denke ich zum Thema assistierter Suizid? Im Rahmen ihres Theologiestudiums hat sie bereits eine Pflichtveranstaltung zu Ethik besucht: «Aber ich fühlte mich danach noch nicht sicher, wie ich ethische Entscheidungen treffen soll.» Dass solche Fragen auch in ihrem Wunschberuf Pfarrerin und Gefängnisseelsorgerin auf sie zukommen werden, davon ist sie überzeugt.
Um mehr Sicherheit im Umgang mit ethischen Entscheidungen zu gewinnen, hat sie sich für das Modul «Und was machen wir jetzt? Ethische Urteilsbildung und moralische Kompetenz» angemeldet. Die School for Transdisciplinary Studies (STS) bot das Modul, das vom Institut für Sozialethik der UZH entwickelt wurde, im Frühjahrssemester 2025 erstmals an. Rund 30 Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen nahmen daran teil.

Das Modul «Und was machen wir jetzt? Ethische Urteilsbildung und moralische Kompetenz» vermittelt Sicherheit bei ethischen Entscheidungen.
«Wir wollen die Teilnehmenden für ethische Aspekte bei Entscheidungen sensibilisieren und ihre Kompetenz stärken, solche Entscheide zu treffen», sagt Lea Chilian, Oberassistentin am Institut für Sozialethik und Programmverantwortliche des Moduls. Ethische Entscheidungen zu treffen, werde für uns Menschen immer wichtiger, ist Chilian überzeugt. Ein wichtiger Grund dafür: die Globalisierung. Sie macht einerseits die Zusammenhänge komplexer: Welche Nahrungsmittel und Kleidung ich kaufe, hat ökologische und soziale Auswirkungen rund um die Welt. Ausserdem werden wir heute mit einer Vielfalt von Wertvorstellungen konfrontiert, zu denen wir uns eine Meinung bilden sollen.

«Ethische Kompetenz zu erwerben ist wichtig, da Akademikerinnen und Akademiker häufig in beruflichen Positionen mit viel Verantwortung und Entscheidungsbefugnis tätig sind.»
Oberassistentin am Institut für Sozialethik
Neben der Globalisierung wirft auch der technologische Fortschritt neue Fragen auf: Wie teuer darf eine medizinische Behandlung sein? Welche Entscheidungen überlassen wir der Künstlichen Intelligenz? «Ethische Kompetenz zu erwerben ist gerade für Studierende wichtig, da Akademikerinnen und Akademiker häufig in beruflichen Positionen mit viel Verantwortung und Entscheidungsbefugnis tätig sind – und das betrifft alle Studienrichtungen», sagt Chilian.
«Wenn wir der Komplexität einer ethischen Entscheidung gerecht werden wollen, ist eine gründliche Reflexion nötig», sagt Chilian. Eine gute Entscheidung zeichne sich dadurch aus, dass man versuche, alle Aspekte und Akteure rund um eine Fragestellung zu berücksichtigen. Und weil jede akademische Disziplin ihre eigenen Fragestellungen und oft auch Werte habe, sei es sinnvoll, darüber auch interdisziplinär in den Austausch zu treten und nach den grundlegenden Prinzipien der Entscheidungsfindung zu fragen.
Am Modul «Ethik und Verantwortung» waren insbesondere Dozierende aus den Disziplinen Philosophie – mit ihrem Spezialgebiet der Ethik und beispielsweise der Medizinethik – und Theologie beteiligt. Zudem waren Gäste eingeladen, die darüber berichten, wie sie in ihrer beruflichen Praxis mit ethischen Fragen umgehen – etwa ein Jurist einer Softwarefirma.

«Der Blick über die Fachgrenzen war besonders wertvoll.»
Theologiestudentin
Für Alina Ring war der Blick über die Fachgrenzen besonders wertvoll. Denn ihr Studienfach Theologie beschäftigt sich zwar mit dem christlichen Wertekompass. Dabei sind Nächstenliebe und die Bereitschaft, zu vergeben, zentral. «Wie man diese Werte aber im konkreten Fall gewichtet und zu einem ethischen Urteil kommt, dazu stellt die Theologie kein Modell bereit», sagt Ring. Umso wertvoller war für sie, Modelle der ethischen Entscheidungsfindung kennenzulernen, wie sie insbesondere in der Philosophie entwickelt werden.
Im Seminar ging es darum, seinen eigenen, persönlich passenden Weg zu finden, wie man zu stimmigen ethischen Urteilen kommen kann. «Wir wollen den Studierenden einen Werkzeugkoffer mit Methoden mitgeben», sagt Chilian.
Alina Ring ist fündig geworden im Koffer – bei einer bestimmten Methode der ethischen Entscheidungsfindung. Diese enthält vor allem folgende Schritte: Fakten sammeln, Problem benennen, Argumente analysieren und gewichten, Entscheiden. Gleichzeitig half die Veranstaltung Alina Ring, sich ihrer eigenen Werte noch klarer zu werden, ohne die eine Entscheidung nicht möglich ist. Sie weiss heute: Solidarität, Vergebung, Gleichberechtigung, Wohlwollen und Authentizität sind für sie zentral.

Wege finden, die zu einem stimmigen ethischen Urteil führen: Dozentin Lea Chilian und Studentin Alina Ring.
Die Studierenden für ethische Argumente zu sensibilisieren, dazu diente insbesondere auch die schriftliche Arbeit, welche die Teilnehmenden in interdisziplinären Kleingruppen schrieben. Der Auftrag: Eine frei wählbare Person dazu interviewen, wie sie in ihrem Berufsalltag ethische Entscheidungen trifft. Alina Ring war Teil eines Dreierteams, die ein für sie speziell interessantes Thema wählte. Gemeinsam mit einem Doktoranden der Psychologie und einem Studenten der Musikgeschichte interviewte sie einen Rekrutierungspsychologen der Schweizer Armee.
Ihr Fazit nach dem Modul: «Es braucht Mut, ethische Entscheidungen zu treffen. Modelle und Theorien schaffen dabei Sicherheit.» Einfacher wurde es für sie nicht, solche Urteile zu fällen. Denn im Laufe der Veranstaltung wurde immer deutlicher, wie komplex ethisch relevante Situationen sind. Eine Erfahrung, die Lea Chilian als Dozentin vertraut ist: «Bei interdisziplinären Veranstaltungen haben die Studierenden nachher oft mehr Fragen als zuvor. Aber das ist ein gutes Zeichen – man erkennt die Vielfalt des Themas», sagt Chilian.
Alina Ring fühlt sich heute mit ihrem neuen Rüstzeug sicherer, wenn es um ethische Fragestellungen geht. Die Frage, ob sie die Schweigepflicht als Militärseelsorgerin im Ernstfall brechen würde, kann sie nicht allgemein beantworten. Was sie weiss: «Es gibt nicht die eine Antwort. Aber ich würde nach diesem Modul eher kühlen Kopf bewahren: Die Situation durchdenken und meinen Entschluss dann gut verantworten können.»

Wie entstanden die Sprachen? Und wie werden wir in Zukunft kommunizieren? Ein neues Master-Studienprogramm an der UZH geht diesen Fragen nach – in einer einzigartigen fachlichen Breite.
Pommes frites machen nicht nur satt, sondern können auch zum Verständnis der chinesischen Sprache beitragen: Denn aus den Stäbchen lassen sich Schriftzeichen formen. Seraina Betschart liess sich bei einem Mittagessen auf diese Weise einige Prinzipien des Chinesischen erklären – von einer chinesischen Kommilitonin.
Die beiden sprachbegeisterten Studentinnen nehmen seit Herbst 2025 am Masterstudiengang «Evolutionäre Sprachwissenschaft» teil. Ihr Spiel mit den Pommes war nicht nur Vergnügen, sondern zum gegenseitigen Nutzen. Die Chinesin hatte Seraina Betschart um Hilfe bei einer Programmieraufgabe gebeten: Es ging darum, einen Aspekt der chinesischen Sprache mit einem Computerprogramm zu analysieren. Kein Problem für Betschart, die im Bachelor Computerlinguistik studiert hatte. Doch um der Kommilitonin helfen zu können, musste sie erst die Struktur der chinesischen Sprache besser verstehen – mit Hilfe der Pommes.

«So viele Sprachen wie möglich lernen»
Studentin
Das Mittagessen war eine Win-Win-Situation. Die chinesische Studentin erhielt Unterstützung und Seraina Betschart sagt: «Ich möchte ohnehin so viele Sprachen wie möglich lernen.» Eine zusätzliche Sprache lernen: Was bei anderen Menschen nach einem halbwegs ernstgemeinten Neujahrswunsch tönt, ist für sie ein zentraler Inhalt ihres Lebens. Neben allen Schweizer Landessprachen begann sie vor einigen Jahren, zusätzlich Estnisch zu lernen – zur Abwechslung eine ganz andere Sprachfamilie. Aktuell steht zudem Arabisch weit oben auf der Liste der Sprachen, die sie als Nächstes angehen möchte.
Auch sonst möchte Seraina Betschart möglichst viel über Sprachen lernen: Wie kam der Mensch zur Sprache? Wie unterscheiden sich tierische und menschliche Sprachen? Und wie werden wir wohl in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz in Zukunft miteinander und mit Maschinen reden? Genau diese Fragen stehen im Zentrum des Master-Studienprogramms «Evolutionäre Sprachwissenschaft», welches an der UZH seit dem Herbstsemester 2025 neu angeboten wird. Das zweijährige Studienangebot ist als Monomaster ohne Nebenfächer konzipiert. Angesiedelt ist das Programm am Institut für interdisziplinäre Sprachevolutionswissenschaft der UZH.
Das Wort «interdisziplinär» trifft dabei den Kern der Sache. So breit die Fragestellungen des Studiengangs sind, so breit ist er auch fachlich aufgestellt. Die linguistische Forschung am Institut findet schon seit Jahren in enger Zusammenarbeit mit Biologinnen und Biologen der UZH statt. Dabei wird etwa gemeinsam erforscht: Inwiefern entwickeln sich die Sprachen der Welt parallel zur Genetik des Menschen?

«Interdisziplinäre Breite, wie sie wahrscheinlich sonst weltweit kaum an einer Universität zu finden ist»
Direktor des Studienprogramms
«Mit dem neuen Master heben wir die Kooperation mit anderen Fachrichtungen nochmals auf ein ganz anderes Niveau – und das auch in der Lehre», sagt Paul Widmer, Programmdirektor des Studiengangs. Neun Fachrichtungen der UZH sind darin eingebunden, von der Philosophie über die Mathematik und Informatik bis zur Hirnforschung. «Es ist ein Studiengang mit einer interdisziplinären Breite, wie sie wahrscheinlich sonst weltweit kaum an einer Universität zu finden ist», sagt Widmer.
Vielfältig ist auch der Hintergrund der Studierenden. Es ist im ersten Durchgang eine kleine Gruppe von neun Studierenden. Ihre Muttersprachen sind Deutsch, Chinesisch, Hindi und Englisch. Zudem bringen die Studierenden verschiedene fachliche Bachelor-Studienhintergründe mit. Einige haben Linguistik studiert, andere Psychologie, Geschichte oder eben Computerlinguistik wie Seraina Betschart.
Für sie war die fachliche Vielfalt der ausschlaggebende Grund, sich für den Master zu entscheiden: «Ich möchte meine linguistische und computerorientierte Perspektive aus dem Bachelor um die naturwissenschaftliche Sichtweise ergänzen.» Es sei eindrücklich, wie sich die Fragestellungen und Methoden dabei immer wieder gegenseitig bereicherten. So berichtete ein Verhaltensforscher im Unterricht davon, wie er versucht, die Sprachfähigkeit der Bonobo-Primaten per Machine Learning zu entschlüsseln.
Dozierende wie Studierende betreten mit dem Lehrgang Neuland. «In jeder Lehrveranstaltung gilt es, herauszufinden und auch zu erfragen, welche Kenntnisse die Studierenden bereits mitbringen», sagt Piera Filippi, wissenschaftliche Koordinatorin des Studiengangs. Je nach Fragestellung und fachlichem Hintergrund wissen die Studierenden über einen Aspekt sogar mehr als die Dozierenden. «Der gegenseitige Austausch ist zentral, deshalb müssen sich alle bemühen, verständlich zu kommunizieren», so Filippi. Ein gemeinsames Verständnis der Begriffe, Methoden und Ziele über alle beteiligten Disziplinen zu schaffen, kann harte Arbeit sein.

«Klare Schwerpunkte im Studium legen»
Wissenschaftliche Koordinatorin des Studienprogramms
Eine weitere Herausforderung des neuartigen Angebotes ist es, eine Balance zu finden zwischen der Breite der Fachrichtungen und der nötigen Vertiefung. «Die Teilnehmenden sollen beim Abschluss nicht wenig von allem wissen, sondern klare Schwerpunkte im Studium legen», sagt Filippi. So sind sie aufgefordert, zwei fachliche Schwerpunkte zu setzen und diese in der Masterarbeit zu kombinieren.
Welche Akzente dies für sie sein werden, weiss Betschart in ihrem ersten Master-Semester noch nicht. Mit ihren Vorkenntnissen in Informatik und Mathematik kann sie sich aber eine bestimmte Richtung vorstellen: Sprachen und ihre historische Entwicklung mithilfe von Datenanalysen vergleichen. Erst einmal heisst es für sie aber noch: sich einen Überblick verschaffen über die Fülle der Fragestellungen, Fachrichtungen und Forschungsansätze. «Die Herausforderung ist es, die einzelnen Teile zu einem Gesamtbild zu formen – wie bei einem Puzzle», sagt Betschart.
Dabei werden die Studierenden nicht allein gelassen. «Weil das Studium neu und aussergewöhnlich ist, ist die Betreuung der Studierenden umso intensiver», sagt Koordinatorin Filippi. In Einzelgesprächen werden die Studierenden dabei unterstützt, für sie passende Kursmodule und später eine Fragestellung für die Masterarbeit zu finden.
Gut eingebunden sind die Studierenden auch in die Forschung. Dabei hilft, dass am Institut für interdisziplinäre Sprachevolutionswissenschaft der nationale Forschungsschwerpunkt «Evolving Language» angesiedelt ist. Dies erlaubt es, die Studierenden schon früh in die interdisziplinären Forschungsprojekte einzubeziehen.

Im Master-Studienprogramm «Evolutionäre Sprachwissenschaft» geht es auch um Tierkommunikation. Seraina Betschart zeichnet Laute von Erdmännchen auf, einer besonders kommunikativen Tierart.
Welchen Weg will sie nach dem Studienabschluss einschlagen? Seraina Betschart weiss es noch nicht. Sie hofft, auch in der späteren Berufstätigkeit interdisziplinär arbeiten zu können. Umgekehrt sagt Programmdirektor Paul Widmer: «Der Arbeitsmarkt muss den neuen Studiengang und die einzigartigen Kompetenzen der Studierenden erst noch kennenlernen.» Möglich ist vieles. Die Bandbreite reicht von sprachhistorischer Forschung bis zur klinischen Behandlung von Sprachstörungen.
Als Volluniversität mit dem breitesten und vielfältigsten Studienangebot der Schweiz hat die UZH beste Voraussetzungen, um interdisziplinäre Bildungswege zu ermöglichen. Die UZH nutzt dieses Potenzial seit einigen Jahren verstärkt. Sie fördert gezielt Lehrangebote, die es den Studierenden ermöglichen, von der Vielfalt der Disziplinen zu profitieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei die schweizweit einzigartige School for Transdisciplinary Studies (STS), die 2021 an der UZH gegründet wurde.
Die STS bietet ein Kursprogramm zu überfachlichen Kompetenzen, das Studierenden aller Fakultäten offensteht, und entwickelt in enger Zusammenarbeit mit den Fakultäten ein inter- und transdisziplinäres Kernangebot mit richtungsweisenden Modulen, die oft einem projekt- oder problemlösungsorientierten Lernansatz folgen: Studierende bearbeiten unter Anleitung interdisziplinärer Teams von Dozierenden aktuelle und praxisnahe Fragestellungen. Dabei erfahren sie unmittelbar, wie bereichernd und zugleich anspruchsvoll Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg sein kann. Sie lernen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen, produktiv mit Reibungen umzugehen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Die School for Transdisciplinary Studies feierte am 29. Oktober 2025 ihren 5. Geburtstag im Rahmen des Tags der Lehre.